»Nein, niemand Besonderem«, antwortete Stanley, dessen Blicke über die Zuschauerränge geschweift waren.

»Ich wollte nur sehen, ob ich jemanden kenne, das ist alles.«

»Die Verkündung des Urteils wird sie alle wieder herlocken«, prophezeite der Mann von Reuters.

»Kommen Sie, im Pub stehen sie wahrscheinlich schon in Dreierreihen vor dem Tresen.«

An jenem Abend, zurück in seinem freudlos möblierten Zimmer, las Stanley in den Notizen, die er vom Prozess angefertigt hatte. Auf einer neuen Seite fertigte er eine Skizze an von einer schlanken Gestalt in Schwarz. Als er fertig war, saß er eine Weile schweigend da und starrte das Bild an. Wenn du in Bamford wohnst, werde ich dich finden, schrieb er schließlich darunter.

KAPITEL 19

ALS MEREDITH am nächsten Morgen um zehn Uhr die Tür öffnete, stand Juliet Painter ungeduldig und mit glitzernden Augen hinter den runden Brillengläsern auf der Schwelle.

»Ich dachte mir, dass ich Sie hier antreffen würde«, sagte sie.

»Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Sie nach London gefahren sind, angesichts all dessen, was hier so passiert.«

Meredith führte ihre Besucherin in die Küche und schaltete den Wasserkocher ein, um Kaffee zu machen.

»Alan hielt es für besser, wenn ich ein paar Tage freinehme. Das heißt, es ist besser. Es kommt jemand von London her, um den Fall zu übernehmen, und er wird mit mir reden wollen. Außerdem habe ich einen Spion in meinem Büro.«

»Tatsächlich?«, fragte Juliet, und ihre Miene hellte sich auf.

»Einen richtigen James Bond?«

»Sein Name lautet Adrian, und seine Spionageaktivitäten erstrecken sich auf das Ausschnüffeln seiner Kollegen. Er ist definitiv kein James Bond. Eher schon eine Pussy Galore.«

»Ich bin jedenfalls froh, dass Sie hier sind.« Juliet nahm ihren Kaffee entgegen.

»Ich hätte nämlich gerne, dass Sie mit mir kommen, die Oakleys besuchen.«

»Juliet«, antwortete Meredith so entschieden, wie sie nur konnte.

»Ich bin bereits viel tiefer in diese Sache verstrickt, als ich möchte oder gebrauchen kann. Warum sollten die Oakleys mich sehen wollen?«

»Weil sie freundliche, wohlwollende Gesichter um sich herum benötigen! Kommen Sie, Meredith, stellen Sie sich nicht so an. Außerdem sind sie gut in dieser Art von Dingen!«

»Was für Dingen? Besuchen bei betroffenen älteren Menschen?«

»Nein. Detektivarbeit.«

»O nein!« Meredith hob abwehrend eine Hand.

»Alan würde an die Decke gehen!«

»Alan hier, Alan da! Haben Sie eigentlich noch einen eigenen Willen? Oder entscheidet er alles für Sie?«

»Tut er nicht!« Die Andeutung ging Meredith entschieden gegen den Strich. Es entsprach weder der Wahrheit, noch würde es das jemals tun. Außerdem hatte Alan am heutigen Morgen herzlich wenig Interesse daran gezeigt, was sie an diesem Tag tun würde. Er war mit grimmigem Gesicht zum Regionalen Hauptquartier aufgebrochen, um Minchin und Hayes in Empfang zu nehmen, die an diesem Tag gegen elf – vorausgesetzt, der Verkehr durchkreuzte ihre Pläne nicht – aus London eintreffen sollten. Sie hatten erneut darüber gesprochen und waren zu dem Entschluss gekommen, Minchin und Hayes das Haus von Meredith anzubieten. Falls sie es nicht wollten, würde das Crown Hotel herhalten müssen.

»Vielleicht«, hatte Markby sinniert,»vielleicht sollte ich ihnen das Crown zuerst zeigen. Danach werden sie sich auf dein Cottage stürzen.« Juliet wollte sich nicht mit Merediths Ablehnung abfinden.

»Es klingt jedenfalls genauso. Außerdem haben Sie selbst gerade gesagt, dass er diesen Fall nicht länger leitet, also kann er wohl kaum Einwände haben, oder?« Und mit zuckersüßer Stimme fuhr sie fort:

»Sie sind zu Hause, oder nicht? Was wollen Sie den ganzen lieben langen Tag machen?« Meredith resignierte, weniger, weil sie Juliets Argumente überzeugt hätten, als wegen ihrer eigenen Neugier.

»Also schön, ich komme mit. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass wir etwas Neues herausfinden.« Doch sie fanden ganz schnell etwas Neues heraus – nämlich, dass sie nicht die ersten Besucher auf Fourways House an diesem Tag waren. Vor dem Eingang stand ein schicker dunkelblauer Jaguar geparkt. Juliet stellte ihren Mini dahinter, und die beiden Frauen starrten durch die Windschutzscheibe auf das Kennzeichen. Es war eine personalisierte Nummer, lediglich Initialen und eine einzelne Ziffer.

»Das sieht nicht nach einem Streifenwagen aus«, sagte Juliet.

»Ganz und gar nicht.«

»Ich kenne diese Nummer«, murmelte Meredith leise.

»Ich meine nicht den Wagen – der ist offensichtlich ganz neu. Aber ich habe diese Nummer schon einmal gesehen. Sie gehört Dudley Newman.«

»Dem Bauunternehmer? Mich trifft der Schlag!« Juliet stieß ihre Tür auf.

»Kommen Sie, gehen wir rein! Sieht so aus, als wären wir nicht einen Augenblick zu früh gekommen!«

Es war einige Zeit her, dass Meredith dem Bauunternehmer Dudley Newman begegnet war, und sie fragte sich, ob er sich an sie erinnerte oder sich überhaupt an sie erinnern wollte. Beim letzten Mal hatte es einen Toten auf einer Baustelle seiner Firma gegeben. Im Allgemeinen erinnerten sich die Menschen nicht so gerne an unangenehme Begebenheiten.

Newman erhob sich von seinem Sessel, als die beiden Frauen von Damaris in das Zimmer geführt wurden. Er sah genauso aus, wie Meredith ihn im Gedächtnis hatte, gut gebaut und inzwischen vielleicht ein wenig schwerer, Anfang sechzig und mit dünner werdendem Haar. Florence wirkte erleichtert beim Anblick von Juliet. Meredith fragte sich, was Newman den beiden Schwestern gesagt hatte.

»Wir sind uns schon einmal begegnet«, unterband Newman jede mögliche Verlegenheit auf Merediths Seite.

»Markby untersucht diesen Fall, habe ich Recht?«

Sein Ton war jovial, doch seine Augen waren wach. Er schüttelte Meredith flüchtig die Hand. Er war nicht erfreut, sie zu sehen, doch er schätzte die neue Lage ein und überlegte, ob er sie möglicherweise irgendwie zu seinem Vorteil nutzen konnte. Er wusste, dass Meredith mit Alan Markby befreundet war.

»Nein, ich glaube, jemand anders wird die Leitung der Ermittlungen übernehmen.« Bei diesen Worten blickten sowohl Florence als auch Damaris alarmiert auf.

»Nicht Alan?«, fragte Damaris.

»Nein, ich glaube nicht, Miss Oakley. Ich weiß nicht viel über die Einzelheiten, aber wenn ich richtig verstanden habe, wird jemand anders die Ermittlungen leiten.«

»Ich weiß«, sagte Florence mit zitternder Stimme,»er hat uns gewarnt, dass es möglich wäre, aber wir hatten gehofft, dass Alan diesen Fall leitet. Wir kennen Alan, seit er ein kleiner Junge war.«

»Ja. Ich fürchte, genau darin liegt das Problem.«

»Wir sind uns auch schon einmal begegnet«, sagte Juliet zu Newman und mischte sich in die Unterhaltung. Newman nickte.

»Sie hatten einen Klienten, der sich für das große Haus drüben in Cherton interessiert hat. Es war eines meiner Projekte. Er hat es nicht gekauft.«

»Er mochte das Haus, aber dann fand er eins, das ihm noch besser gefiel«, antwortete Juliet einfach.

»Nun ja, so ist das in diesem Geschäft«, verwarf Newman das Thema und nahm wieder Platz.

»Und Sie interessieren sich für Fourways?« Auch Juliet sah keine Notwendigkeit für lange Umschweife. Newman blickte sie misstrauisch an.

»Könnte sein, dass ich mich dafür interessiere, ja. Allerdings nicht, um das Haus zu renovieren. Dazu ist es bereits viel zu sehr heruntergekommen. Tut mir Leid, meine Damen.« Die letzten Worte waren an die beiden Schwestern gerichtet, deren Haus er soeben herabgesetzt hatte.

»Mr. Newman möchte das Grundstück erwerben«, sagte Damaris,»mit dem Gedanken, Fourways House abzureißen und das Land zu erschließen. Wir haben ihm gesagt, Juliet, dass wir uns von Ihnen beraten lassen.« Newman gefiel dieses Arrangement nicht, das sah man ihm an.

»Sehr vernünftig«, räumte er widerwillig ein.

»Und was genau«, fragte Juliet,»haben Sie mit dem Grundstück vor?«

»Fünf oder sechs gehobene Einfamilienhäuser mit vier Schlafzimmern und Doppelgaragen. Wahrscheinlich aus einheimischem Stein. Es besteht Nachfrage nach dieser Sorte von Objekten in der Gegend. Ich bin ziemlich sicher, dass ich eine Baugenehmigung erhalte.«

»Einschließlich einer Abrissgenehmigung für Fourways House?«, fragte Juliet.

»Die englische Denkmalschutzbehörde wird sich wohl kaum dafür interessieren, oder?«, entgegnete Newman rau.

»Natürlich könnte man Fourways House in Wohnungen aufteilen, doch die Kosten wären abenteuerlich.«

»Also geht es im Prinzip darum, was Sie für das Land auszugeben bereit sind«, sagte Juliet. Er begegnete ihrem Blick.

»Selbstverständlich muss ich zuerst zu den Banken, um ein so großes Projekt zu finanzieren. Das bedeutet, ich muss auch Zinszahlungen in meinen Berechnungen berücksichtigen. Also werde ich zwar einen fairen Preis für alles anbieten, doch ich kann nicht mehr dafür geben, als es wert ist. Ich habe schließlich Unkosten.« Meredith bemerkte, dass dieses Thema den beiden Schwestern zu schaffen machte. Das war der Grund, aus dem sie Juliet gebeten hatten, den Verkauf von Fourways in die Hand zu nehmen. Diese Art von Geschäften war nicht ihre Welt, und sie hatten keine Vorstellung, wie sie darangehen sollten. Sie scheuten davor zurück wie ein Pferd vor dem Feuer.

»Vielleicht könnte ich Sie in Ihrem Büro besuchen, wo wir alles in Ruhe besprechen?«, schlug Juliet dem Bauunternehmer vor. Newman wollte sich nicht damit abfinden, dass er mit ihr verhandeln musste und nicht mit den Schwestern.

»Wenn Sie meinen. Rufen Sie meine Sekretärin an und vereinbaren Sie einen Termin.« Er erhob sich verlegen.

»Nun, ich fahre jetzt besser wieder. Nett, Sie einmal wieder gesehen zu haben, äh, Meredith.«

»Meine besten Wünsche an Ihre Frau«, sagte Meredith höflich.

»Was? Oh, ja. Ich werde sie ausrichten.«

»Dieser Dudley Newman ist ein ungehobelter Mensch, nicht wahr?«, sagte Damaris, nachdem sie den Bauunternehmer zur Tür geführt hatte und zu den anderen zurückgekehrt war.

»Ich bin ja so froh, dass Sie vorbeigekommen sind, Juliet. Gerade rechtzeitig.«

»Hat er versucht, Sie zu irgendetwas zu überreden?«, erkundigte sich Juliet kampflustig.

»Nein, eigentlich nicht. Ich schätze, wenn er wirklich kaufen will, dann ist es das Beste, wenn wir Fourways House an ihn verkaufen, oder? Ich meine, er hat ganz Recht, wenn er sagt, dass niemand das Haus in seinem jetzigen Zustand haben will, nicht wahr? Florence und ich machen uns keine Illusionen in dieser Hinsicht. Wer würde schon hier wohnen wollen? Wir nicht. Genau genommen sind weder Florence noch ich diesem Haus besonders verbunden.«

»Newman wird wahrscheinlich herausfinden, dass es trotzdem gar nicht so einfach ist, Fourways House abzureißen. Trotz all seinem Gerede von wegen Bauamt und Planungskommission.«

»Es steht nicht auf der Liste des Denkmalschutzes«, sagte Damaris.

»Es ist nichts Besonderes.«

»Trotzdem, Damaris. Sie würden sich wundern, wie viele Leute Einwände erheben, wenn es um den Abriss eines alten Hauses geht. Obwohl ich sicher bin, dass Newman Freunde an den wichtigen Stellen hat. Er wird seine Genehmigung für die Neubauten erhalten.«

»Also glauben Sie auch, dass wir an ihn verkaufen sollten?« Die beiden Schwestern starrten Juliet auf eine Weise an, die Meredith an ein paar vertrauensselige Hunde erinnerte. Sie wollte nicht mit Juliet und ihrer Arbeit tauschen, dachte sie, all diese Verantwortung. Die Zukunft der Oakleys hing von ihrem Rat und ihren Entscheidungen ab.

»Ich denke, ich sollte mich zuerst einmal ausgiebig mit Newman unterhalten und ihn dazu bringen, ein faires Angebot zu machen«, antwortete Juliet.

»Überlassen Sie die Einzelheiten ruhig mir.« Die Schwestern waren unübersehbar erleichtert, dies zu tun. Damaris machte eine Handbewegung, als wollte sie das Problem damit beiseite schieben.

»Hätten Sie vielleicht Lust auf ein Glas Wein?« Sie meinte Sherry. Ihre Besucherinnen nahmen dankend an – sowohl Meredith als auch Juliet waren der Meinung, dass die Schwestern einen Schluck vertragen konnten.

»Wir hatten einen recht unangenehmen Morgen«, berichtete Damaris, nachdem der Sherry ausgeschenkt war.

»Und das nicht allein wegen Mr. Newman.« Florence nahm einen Schluck von ihrem Glas und betupfte sich hinterher mit dem Taschentuch, das sie in ihrer mageren Hand hielt, den Mund.

»Schrecklich«, murmelte sie leise.

»Grauenvolle Neuigkeiten.«

»Meine Schwester meint die Polizei. Man hat uns mitgeteilt, dass Jan an einer Arsenvergiftung gestorben ist.« Damaris’ Stimme war angespannt.

»Sie wissen natürlich, dass die arme Cora auf die gleiche Weise starb. Nun ja, nicht genau auf die gleiche Weise – sie hat es nicht gegessen, sondern eingeatmet. Doch William hat die gleiche giftige Substanz benutzt.« Sie stockte.

»Es scheint, als hätte jemand große Anstrengungen unternommen, um das zu tun. Ein Mord ist schon schlimm genug, aber mit Arsen! So bösartig! Jemand muss uns wirklich hassen!« Obwohl es genau das war, was auch Meredith empfand, protestierte sie laut.

»Nein, ganz bestimmt nicht!«

»Was sollen wir denn sonst davon halten? Die Polizei will wissen, woher das Gift stammt! Wir wissen es nicht! Jan hat mit uns zusammen gefrühstückt. Es war ein einfaches Frühstück – Cornflakes und Toast. Er hatte Butter und Marmelade auf seinem Toast und Zucker und Milch an den Cornflakes. Die Polizei hat die Marmelade und den Zucker mitgenommen. Die Beamten haben jede geöffnete Tüte und jeden geöffneten Topf aus den Schränken mitgenommen. Marmelade, Salz, Salatsoße, einfach alles, sogar ein paar Lebertrankapseln! Wir … es war schrecklich.«

»Er war nachmittags bei mir zum Tee«, sagte Meredith hastig,»und ich habe einen Schokoladenkuchen gebacken. Die Polizei hat die Reste ebenfalls mitgenommen. Sie muss einfach alles überprüfen.«

»Also hat er die Wahrheit erzählt?«, fragte Damaris gelinde überrascht.

»Er hat erzählt, dass er bei Ihnen war. Ich fürchte, Florence und ich haben nichts von dem geglaubt, was er uns erzählt hat.«

»Ich wollte helfen«, gestand Meredith.

»Ich glaube nicht, dass es etwas genutzt hat.«

»Trotzdem, danke, dass Sie es versucht haben«, sagte Damaris.

»Wie steht es mit dem Mittagessen an jenem Tag?«, lenkte Juliet die Unterhaltung wieder zum Hauptthema zurück. Damaris konnte ihre Frage beantworten.

»Ich habe einen Salat gemacht, ein wenig Schinken und Tomaten, Gurken, Lauch und Kresse. Oh, und hart gekochte Eier. Als Nachtisch hatten wir Bratäpfel. Wir kochen nur sehr selten richtige Mahlzeiten mit Fleisch und Gemüse, weil der alte Gasherd so unzuverlässig ist. Wir haben alle das Gleiche gegessen, und weder Florence noch ich waren hinterher krank.« Sie warf einen Seitenblick zu ihrer Schwester, die mit gesenktem Kopf dasaß und das Sherryglas in ihrer Hand anstarrte.

»Es ist alles so eine furchtbare Belastung«, schloss sie.

»Es wird wenig nützen, wenn ich Ihnen sage, dass Sie sich keine Sorgen machen sollen«, erwiderte Juliet.

»Sie werden sich trotzdem sorgen, und daran kann man nichts ändern. Allerdings sollten Sie keine voreiligen Schlüsse daraus ziehen, dass die Polizei Lebensmittel aus Ihrer Küche beschlagnahmt hat. Und vor allen Dingen sollten Sie mit Dudley Newman keinerlei mündliche Vereinbarungen treffen. Ich sage nicht, dass er unehrlich ist. Er hat einen guten Ruf. Aber er ist auch ein Geschäftsmann, und es liegt in seinem Interesse, das Land billig zu erwerben. Verweisen Sie ihn einfach an mich, falls er sich noch mal bei Ihnen meldet.«

»Wir sind Ihnen sehr dankbar, Juliet, meine Liebe.« Damaris streckte ihr die Hand hin.

»Danke, dass Sie gekommen sind – und auch Ihnen Dankeschön, Meredith. Sagen Sie Alan bitte, wir bedauern, dass nicht er derjenige ist, der diese schreckliche Angelegenheit regelt. Wissen Sie schon, wer es sein wird?«

»Ein Mann aus London«, sagte Meredith zu ihr.

»Ein Superintendent Minchin.«

»London?« Damaris hob die Augenbrauen.

»Anscheinend hält man uns für sehr wichtig.«

Draußen vor dem Haus blieb Juliet mit den Schlüsseln in der Hand beim Wagen stehen.

»Meredith? Sie haben es doch nicht eilig, oder? Ich würde angesichts Newmans jüngstem Besuch gerne noch eine Runde über das Grundstück drehen.«

Die beiden Frauen gingen über den Rasen.

»Er kann hier leicht fünf oder sechs von seinen gehobenen Häusern hinbauen«, sagte Meredith.

»Vielleicht sogar noch mehr. Allerdings nicht, wenn sie wirklich für gehobene Ansprüche sein sollen. Er muss einen äußerst profitversprechenden Plan haben. Nicht, dass Dudley Newman nicht genügend Geld hätte – aber ganz gleich, wie viel er bereits verdient hat, ich schätze, er hätte nichts dagegen, noch mehr zu verdienen. Ich frage mich, wie sehr er sich diese Sache in den Kopf gesetzt hat.«

»Genug, um jemanden umzubringen, der ihm im Weg stehen könnte?«, fragte Juliet.

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Sie haben es aber gedacht. Genau wie ich.« Sie gingen schweigend weiter. Schließlich fragte Meredith:

»Es ist das Arsen, nicht wahr? Woher sollte Newman oder sonst irgendjemand heutzutage Arsen haben? Wie kann er es Jan Oakley eingeflößt haben? Können wir beweisen, dass er Jan überhaupt je begegnet ist?«

»Wir wissen nicht, was Jan im Schilde geführt hat, das ist das Dumme«, entgegnete Juliet.

»Woher sollen wir wissen, dass er nicht hinter dem Rücken aller versucht hat, ein Geschäft mit Newman zu machen, über dem die beiden in Streit geraten sind?« Sie blieb stehen und setzte ihre Brille ab. Ihre Augen leuchteten in einem hellen, porzellanartigen Blau. Sie hatte die Lider mit Eyeliner betont, doch ansonsten trug sie nur wenig Make-up, nichts weiter als einen Hauch von rosafarbenem Lippenstift. Die magentafarbenen Fingernägel standen in merkwürdigem Kontrast zu ihrem ansonsten schlichten Stil. Sie zog ein Brillenetui hervor, klappte es auf, entnahm ein gelbes Putztuch und begann die Gläser zu polieren.

»Haben Sie eigentlich nie überlegt, sich Kontaktlinsen zuzulegen?«, fragte Meredith.

»Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen. Meine Augen tränen ständig. Ich schätze, ich käme irgendwann damit zurecht, wenn ich lange genug durchhalten würde, aber es macht mir auch nichts aus, eine Brille zu tragen. Sie hilft beim Geschäftlichen. Ich mag die Vorstellung, dass sie mir zu einem intelligenten Aussehen verhilft, und Sie wissen ja, was Dorothy Parker gesagt hat: ›Männer unternehmen nur selten Annäherungsversuche bei Frauen, die Brillen tragen.‹«

»Stimmt das?«, fragte Meredith lächelnd.

»Nein, offen gestanden nicht. Einige Männer scheinen im Gegenteil von der Brille förmlich angezogen zu werden.« Juliet setzte ihre Brille wieder auf.

»Hallo, da ist ja Ron Gladstone!« Sie hob eine Hand und winkte.

»Er sieht ebenfalls ein wenig mitgenommen aus. Ich schätze, er macht sich Sorgen wegen der Schwestern, und wahrscheinlich hat er Newmans Wagen gesehen. Er wird wissen, was das zu bedeuten hat. Der arme Ron. Er liebt diesen Garten.« Der Gärtner hatte die beiden Frauen bemerkt. Für einen Augenblick schien er zu zögern, dann richtete er sich auf und kam ihnen entgegen. Er sieht aus, dachte Meredith, als würde er die Last sämtlicher Sorgen der Welt auf seinen Schultern tragen. Sein normalerweise untadeliges Äußeres hatte entschieden gelitten.

»Guten Morgen, Ron!«, rief Juliet ihm zu.

»Guten Morgen!«, erwiderte Ron Gladstone.

»Wenn es denn ein guter Morgen ist – was ich persönlich sehr bezweifle.«

»Lassen Sie den Mut nicht sinken, Ron«, sagte Juliet aufmunternd.

»Kennen Sie Meredith? Sie ist die Freundin von Superintendent Markby. Sie haben ihn bereits getroffen, nicht wahr?« Ron nickte.

»Er war hier, nachdem dieser Jan Oakley gestorben ist. Ich habe ihm den Garten gezeigt.«

»Das hat ihm bestimmt gefallen«, sagte Meredith. Rons Miene hellte sich ein wenig auf.

»Ich denke ja«, sagte er, dann versank er wieder in sein Brüten.

»Sie haben diesen Bauunternehmer gesehen, diesen Dudley Newman, oder?« Seine Stimme bekam einen verzweifelten Unterton.

»Er will all das hier abreißen und zubetonieren!« Ron breitete die Arme zu einer umfassenden Geste aus.

»Falls er das wirklich tut, und das steht noch gar nicht fest«, erwiderte Meredith,»dann wird er höchstens fünf oder sechs Häuser bauen und den Rest in eine Gartenanlage verwandeln. Wahrscheinlich wird er versuchen, einen Teil der Gärten so zu erhalten, wie sie heute sind, hauptsächlich die alten Bäume. Möglicherweise bekommt er überhaupt keine Genehmigung, sie zu fällen. Es dürfte eigentlich gar nicht so schwer sein, sie in den amtlichen Baumbestand eintragen zu lassen.« Dieser kleine Trost tat ebenfalls nichts, um Gladstones Stimmung aufzuhellen. Er blieb deprimiert. Er steckte die Hände in die Taschen und blickte von Meredith zu Juliet und wieder zurück.

»Ich habe die Polizei nicht mehr gesehen, seit Markby hier gewesen ist«, sagte er schließlich.

»Irgendwelche Neuigkeiten?«

»Ein Beamter aus London hat die Leitung des Falles übernommen«, sagte Juliet zu ihm.

»Hm«, machte Ron. Er spricht Markby aus der Seele, dachte Meredith.

»Und wir wissen, dass Jan Oakley mit Arsen vergiftet wurde«, sagte Juliet.

»Kaum zu glauben, oder? Würden Sie nicht …« Sie brach ab, als sie die Bestürzung Gladstones bemerkte. Sein Gesicht hatte eine aschfahle Tönung angenommen, und der rote Schnurrbart kontrastierte dazu wie eine klaffende Wunde. Er nahm die Hände aus den Taschen und schwankte.

»Können Sie das noch mal sagen?«, fragte er.

»Arsen. Was ist denn plötzlich los, Ron? Stimmt etwas nicht?« Er schüttelte den Kopf, als wollte er seine Benommenheit vertreiben.

»Nein«, sagte er.

»Nichts stimmt. Überhaupt nichts. Verdammter Mist!« Meredith trat vor und nahm ihn beim Ellenbogen.

»Ron, wissen Sie etwas? Wenn Sie etwas wissen, dann müssen Sie es sagen!«

»Das ist genau der Punkt«, sagte er kläglich.

»Ich hätte schon früher etwas sagen müssen. Ich meine, normalerweise hätte ich es nicht vergessen, aber irgendwie ist es mir völlig entfallen. Und dann … na ja, dann starb er, und ich dachte zuerst an Alkohol und Drogen. Das habe ich auch Markby gesagt. Dann habe ich gehört, dass er an Gift gestorben sein soll, aber ich dachte an moderne Sachen.« Er stockte und riss sich sichtlich mühsam zusammen.

»Ich zeige Ihnen, wo ich es gefunden habe«, sagte er.

»Hier entlang bitte.« Er setzte sich in Bewegung und marschierte davon. Die beiden Frauen folgten ihm.

»Wohin gehen wir, Ron?«, rief Juliet hinter ihm her.

»Zum alten Pflanzschuppen«, kam die Antwort.

»Was ist denn dort?«, flüsterte Juliet ihrer Begleiterin zu.

»Irgendetwas Schlimmes?«

»Ich hab so ein ungutes Gefühl«, antwortete Meredith,»dass es sich tatsächlich um etwas Schlimmes handeln könnte.«

»Das war es auch!«, rief Ron aufgebracht. Er hatte ihre Worte mitgehört.

»Aber jetzt ist es nicht mehr da, verstehen Sie?«

KAPITEL 20

IM REGIONALEN Hauptquartier herrschte eine merkwürdige Stimmung, eine unterdrückte Aufregung angesichts der bevorstehenden Ankunft der beiden Beamten aus der Hauptstadt. In Markby stiegen alte Erinnerungen an seine Zeit beim Kadettencorps der Schule auf. Er fühlte sich an eine bevorstehende Inspektion seiner Ausrüstung erinnert. Pearce, der das vom Chief Constable getroffene Arrangement zutiefst missbilligte und sich vor die Situation gestellt sah, direkt mit den Neuankömmlingen zusammenarbeiten zu müssen, stapfte mit grimmigem Gesicht herum. Ginny Holding räumte ihren Schreibtisch auf. Sergeant Prescott wirkte angespannt. Einer oder zwei der jüngeren Beamten hofften unübersehbar auf eine Chance zu glänzen und eine Versetzung zu der Metropolitan Police. Markby gab sein Bestes, sich wie jemand zu verhalten, der über alledem steht, doch er hegte insgeheim die Vermutung, dass er nicht sonderlich erfolgreich war. Alle seine Untergebenen behandelten ihn mit einer freundlichen Zuvorkommenheit, die zwar gut gemeint war, ihn jedoch innerlich nur noch ärgerlicher und gereizter machte.

»Danke sehr, Ginny, nein, ich möchte keinen Kaffee mehr.«

»Es ist erst kurz nach elf, Sir«, sagte Holding.

»Ich habe eine Armbanduhr, danke sehr, und an der Wand hängt eine weitere Uhr.«

»Sie haben nicht angerufen, um Bescheid zu geben, dass sie aufgehalten wurden.«

»Warum sollten sie aufgehalten worden sein? Gibt es heute irgendwo zwischen hier und London besondere Probleme mit dem Verkehr?«

»Wir haben im alten Aktenraum einen Schreibtisch für Superintendent Minchin aufgestellt.«

»Ich weiß. Ich bin sicher, er weiß es zu schätzen.«

»Es ist ein wenig beengt …«

»Ginny!« Markby schluckte seinen Ärger herunter und sagte in sachlicherem Tonfall:

»Ich weiß das alles sehr zu schätzen, und ich bin Ihnen dankbar, aber können wir uns nicht alle ein wenig mehr entspannen? Superintendent Minchin und Inspector Hayes werden zweifellos …« Draußen ertönten laute Schritte, gefolgt von einer unbekannten Stimme, laut, befehlsgewohnt und in einem fremden Akzent.

»Ich glaube, er ist da, Sir!«, rief Ginny Holding und stürzte nach draußen.

»Ich werde noch verrückt!«, brummte Markby.

»Habe ich nun einen Ersatzbeamten aus der Hauptstadt hier oder einen verdammten Popstar?«

Welche privaten Vorbehalte Markby auch gegen Superintendent Minchin haben mochte – er musste zugeben, dass der Auftritt des Mannes beeindruckend war. Er war fast ein Meter neunzig groß und athletisch gebaut. Markby vermutete regelmäßiges Training im Fitnesscenter. Trotzdem oder auch gerade deswegen, bemerkte Markby mit wenig edelmütiger Befriedigung, würde Minchin später im Leben einen aussichtslosen Kampf gegen zunehmendes Übergewicht ausfechten. Im Augenblick war er schwer, aber durchtrainiert. Er schien ungefähr im gleichen Alter zu sein wie Markby, vielleicht ein oder zwei Jahre jünger. Seine Gesichtsfarbe war rötlich und ließ ihn fast bäuerlich wirken, das blonde Haar militärisch kurz geschnitten. Seine Gesichtszüge waren regelmäßig und auf aggressive Weise attraktiv, eine kurze, gerade Nase und gerade Augenbrauen über kleinen blauen Augen. Er sah aus wie ein unbequemer Zeitgenosse, und Markby befürchtete, dass er sich als genau der erweisen würde. Er trug einen hellgrauen Anzug, ein türkisfarbenes Hemd und eine rote Krawatte. Alles in allem kein Mann, der sich unauffällig in eine Menge mischen konnte.

Im Kielwasser dieser Pracht kam Inspector Hayes, das genaue Gegenstück zu Minchin. Genauso klein und drahtig, wie sein Chef groß und muskulös war, ein echtes Londoner Kind mit scharfen Augen, blassem Gesicht und dünnen Lippen. Sie bildeten, wie Markby zugeben musste, ein höchst bemerkenswertes Paar.

Er musste sich erheben, um die Neuankömmlinge zu begrüßen. Sie reichten sich die Hände und wechselten die üblichen Banalitäten.

»Ich habe eine Unterkunft für Sie arrangiert«, sagte Markby.

»Es sei denn, Sie ziehen eines der einheimischen Hotels vor. Im Cottage haben Sie mehr Privatsphäre, doch die Entscheidung liegt bei Ihnen.«

»Sehr gut.« Minchin zeigte wenig Interesse für die Arrangements, die Markby getroffen hatte, und kam gleich zur Sache.

»Habe ich ein Büro?«

»Holding wird es Ihnen zeigen.« Markby mochte die Direktheit des Mannes nicht, doch er war entschlossen, unter allen Umständen höflich zu bleiben. Er wollte auf keinen Fall, dass Minchin berichten konnte, der örtliche Superintendent hätte sich als störrisch und schwierig erwiesen.

Ich bin weder das eine noch das andere, sagte sich Markby rechtschaffen. Ich bin kein schwieriger Mensch. Niemand kann das von mir behaupten.

Hayes hatte währenddessen in einer Ecke des Raums gestanden und mit flinken Blicken seine Umgebung studiert. Markby spürte ein instinktives Jucken zwischen den Schulterblättern. Pass auf diesen Hayes auf, sagte er sich. Das ist der Hinterhältige von beiden, der Verschlagene. Er fragte sich, ob Minchin und Hayes regelmäßig zusammenarbeiteten.

»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn ich die Unterlagen zu diesem Fall so bald wie möglich sichten könnte«, sagte Minchin.

»Wir werden uns bemühen, Ihnen nicht im Weg zu stehen.« Auch Minchin achtete peinlich darauf, nach Vorschrift vorzugehen, wenigstens, bis er gesehen hatte, aus welcher Richtung der Wind wehte.

»Selbstverständlich. Bis jetzt haben wir noch nicht herausgefunden, woher das Arsen stammt …«

»Haben Sie irgendwelche Fabriken in der Umgebung?«, unterbrach Minchin ihn gleich beim ersten Satz.

»Sie wären überrascht, wenn Sie wüssten, welche Chemikalien in der industriellen Fertigung alle zum Einsatz kommen.«

»Das hier ist keine industrielle Gegend«, sagte Markby.

»Wir haben ein paar Geschäfte, die mit landwirtschaftlichem Bedarf handeln …« In diesem Augenblick wurden draußen Stimmen laut.

»Ich fürchte, es passt im Augenblick wirklich nicht!«, hörte Markby Ginny Holding sagen.

»Superintendent Markby ist beschäftigt! Kann ich Ihnen helfen?« Wenigstens drei andere Stimmen, so schien es, antworteten unisono. Eine davon war männlich und kam Markby irgendwie vertraut vor, die beiden anderen waren weiblich, und eine davon war ihm entschieden bekannt.

»Bitte entschuldigen Sie mich für einen Augenblick«, sagte Markby.

»Ich will nachsehen, was das alles zu bedeuten hat.« Er wandte sich ab und marschierte aus dem Büro auf den Gang. Holding bemühte sich nach Leibeskräften, eine Dreiergruppe von Besuchern abzuwimmeln, bestehend aus Ron Gladstone, Juliet Painter und Meredith. Und weil Meredith nur dann herkam, wenn es sich um etwas wirklich Wichtiges handelte, wichtig genug, um Alan zu stören, fragte er sie:

»Was ist passiert?«

»Oh, Alan!«, sagte Meredith erleichtert.

»Ron Gladstone muss dir etwas erzählen!«

»Es geht um das Arsen!«, platzte Juliet Painter hervor.

»Es war dort, und jetzt ist es verschwunden!«, erklärte Gladstone. Markby wurde sich einer größeren Gestalt bewusst, die dicht hinter ihm stand.

»Ist jemand hergekommen, um eine Aussage zu machen?«, fragte Minchin.

»Inspector!« Hayes hastete herbei.

»Suchen Sie dieses Büro, das man uns zugewiesen hat, und bringen Sie in Erfahrung, was diese Leute zu sagen haben!« Nach einem fragenden Blick zu Markby erbot sich Holding, ihnen den Raum zu zeigen. Sie setzten sich in Bewegung, Holding voran, Minchin und Hayes dahinter, und Gladstone, Juliet Painter und Meredith zum Schluss. Meredith wandte den Kopf und bedachte Markby, der in der Tür seines Büros stand, mit einem fragenden Blick. Der Tumult hatte Dave Pearce angezogen. Er war ebenfalls aus seinem Büro in den Gang getreten. Markby packte ihn beim Arm.

»Um Himmels willen, Dave, gehen Sie mit und verfolgen Sie das Geschehen in diesem Büro!«

Der ehemalige Aktenraum war, genau wie Holding befürchtet hatte, selbst für zwei Personen ziemlich klein. Nun, mit sechs Leuten darin, erinnerte er an eine mittelalterliche Folterkammer, in der man weder richtig sitzen noch stehen, noch liegen konnte.

Minchin, wahrscheinlich, um seinen Rang zu etablieren, hatte auf dem Stuhl hinter dem Schreibtisch Platz genommen. Hayes stand neben ihm. Man hatte zwei weitere Stühle hereingebracht und Juliet und Meredith angeboten, die nun Minchin gegenübersaßen. Damit war kein weiterer Raum mehr für Sitzgelegenheiten übrig. Ron Gladstone und Dave Pearce mussten stehen.

»So geht das nicht!«, sagte Meredith und erhob sich wieder.

»Was geht so nicht, Ma’am?«, fragte Minchin irritiert und starrte Meredith misstrauisch an.

»Die Person, die eine Aussage macht, sollte dabei sitzen, oder? Ich kann stehen. Setzen Sie sich, Mr. Gladstone.«

»Vielleicht überlassen Sie diese Arrangements uns, Miss?« Es war das erste Mal, dass Hayes den Mund geöffnet hatte. Seine Stimme klang schnarrend. Doch die Besucher erwiesen sich als unempfänglich für behördlichen Tadel und tauschten völlig ungerührt ihre Plätze. Gladstone äußerte seinen Protest, weil

»ein Gentleman nicht zu sitzen hat, wenn eine Lady steht«, doch er wurde von den beiden anwesenden Ladys überstimmt.

»Sie hatten einen hässlichen Schock, Ron«, sagte Juliet.

»Es steht überhaupt nicht zur Debatte, dass Sie sitzen müssen.«

»Wenn nun alle mit ihrer Reise nach Jerusalem fertig wären …«, sagte Minchin beißend. Schließlich saßen Juliet und Ron Gladstone auf den Stühlen vor Minchin und Hayes, und Meredith sowie Pearce standen hinter ihnen. Das Umherrutschen und Plätzewechseln hatte gut fünf Minuten in Anspruch genommen, und dann fanden Hayes und Minchin heraus, dass in den Schubladen des Schreibtischs keine offiziellen Vernehmungsformulare lagerten, sodass Pearce nach draußen gehen und welche besorgen musste. Er brachte außerdem einen weiteren Stuhl, der zu Gladstones Missbilligung von Hayes in Beschlag genommen wurde (

»Eine Lady einfach stehen zu lassen! So etwas hat es zu meiner Zeit nicht gegeben!«). Irgendwie fand Hayes eine Ecke für seinen Stuhl und nahm mit einem Formular und einem Stift in der Hand darauf Platz. Nachdem endlich eine gewisse Ruhe eingekehrt war, legte Minchin die Unterarme auf den Schreibtisch und verschränkte die Hände. Er nickte Hayes zu, der sich bereitmachte.

»Also schön. Mein Name ist Superintendent Minchin, und ich bin aus London hergekommen, um die Leitung der Ermittlungen zum Tod von Jan Oakley zu übernehmen.« Meredith blickte zu Boden, als ihr Karikaturen von britischen Polizeibeamten durch den Sinn gingen. Als sie den Kopf wieder hob, stellte sie fest, dass Minchins kleine blaue Augen sie womöglich noch misstrauischer als zuvor musterten. Sie hatte das Gefühl, als würde er ihre Gedanken lesen. Jeder Versuch, sich innerlich über ihn lustig zu machen, verging ihr. Er war nicht lustig. Er verstand keinen Spaß, und es sich mit Minchin zu verderben bedeutete, sich einen unangenehmen Feind zu schaffen.

»Dies ist Inspector Hayes«, fuhr der Londoner Superintendent fort. Er blickte einladend zu Pearce, sich selbst vorzustellen.

»Ich kenne bereits alle drei anwesenden Zivilisten«, sagte Pearce steif.

»Sie kennen mich ebenfalls. Ich bin Inspector Pearce.«

»Dann würden Sie mir bitte zunächst die Freundlichkeit erweisen und Ihre Namen nennen?«, wandte sich Minchin an die drei Besucher. Juliet sprach als Erste.

»Ich bin Juliet Painter. Ich berate Damaris und Florence Oakley beim Verkauf ihres Hauses.« Pearce steuerte eine Erklärung bei:

»Es handelt sich um Fourways House, wo sich der Mord ereignet hat.«

»Sie sind Immobilienmaklerin?«, erkundigte sich Minchin ausdruckslos, ohne Pearce zu beachten. Gütiger Gott!, dachte Meredith. Juliet wäre fast aufgesprungen.

»Ich bin keine Maklerin! Ich bin Vermögensberaterin! Ich handle nicht mit Immobilien, ich kaufe und verkaufe nichts! Ich berate lediglich Leute, die kaufen oder verkaufen möchten.« Unbeeindruckt sagte Minchin:

»Klingt in meinen Ohren, als gäbe es keinen Unterschied.«

»Nun, es gibt aber einen!«, schnappte Juliet. Sie atmete tief durch.

»Vielleicht sollten Sie wissen, dass mein Bruder Dr. Geoffrey Painter der Giftexperte ist, der das Arsen im Leichnam von Jan Oakley entdeckt hat!« Schweigen. Schließlich fragte Minchin:

»Im Leichnam von Jan Oakley?«

»Ja! Was denn sonst?«, schnappte Juliet. Minchins steinerner Blick glitt zu Ron Gladstone.

»Und Sie sind der Gentleman, der eine Aussage zu Protokoll bringen möchte? Ihr Name lautet?«

»Ich möchte keine Aussage machen, ich möchte Ihnen etwas sagen, das ist alles! Mein Name ist Ron Gladstone. Ich bin der Gärtner von Fourways House.« Minchin verschränkte seine Hände fester, doch das war die einzige Reaktion. Schließlich wanderte sein Blick weiter zu Meredith.

»Meredith Mitchell«, sagte Meredith.

»Ich war die erste Person, die Jan Oakley kennen gelernt hat. Ich bin ihm im Zug von London nach Bamford begegnet und habe ihn hinterher nach Fourways gebracht. Ich war heute Morgen zusammen mit Miss Painter auf Fourways House, um die Oakley-Schwestern zu besuchen, als wir Mr. Gladstone trafen und … und als Resultat sind wir hier.«

»Aha«, machte Minchin.

»Sie sollten außerdem wissen, dass ich mit Superintendent Markby befreundet bin. Wir wohnen zusammen.«

»Du lieber Gott!«, murmelte Hayes.

»Kein Wunder, dass sie jemanden von außerhalb hergeschickt haben, um den Fall zu übernehmen.« Minchin warf ihm einen warnenden Seitenblick zu.

»Nun, Mr. Gladstone«, sagte er.

»Sie werden verstehen, dass ich bisher noch nicht die Zeit gefunden habe, die Akte Oakley zu studieren. Ich bin eben erst eingetroffen. Doch wenn Sie wichtige Informationen für uns haben, dann wäre ich Ihnen verbunden, wenn Sie uns nun wissen ließen, um was es sich handelt. Inspector Pearce kann sie sicherlich einordnen, nicht wahr?« Gladstone beugte sich vor.

»Es geht um das Arsen. Verstehen Sie, ich wusste bis heute Morgen nicht, dass er an Arsen gestorben ist. Ich wusste, dass er vergiftet wurde, aber ich wusste nicht womit, bis diese beiden Ladys hier mir heute Morgen erzählt haben, dass es Arsen war.« Er hielt inne, um sich zu überzeugen, dass Minchin ihm bis hierher gefolgt war.

»Berichten Sie weiter«, forderte der Superintendent ihn auf.

»Ich werde mich melden, wenn mir irgendetwas unklar ist oder ich Fragen habe.« Gladstone räusperte sich umständlich.

»Ich muss zu dem Tag zurückkehren, an dem er auf Fourways House angekommen ist.«

»Und wer ist dieser ›er‹?«

»Jan Oakley. Oder jedenfalls der Mann, der sich Oakley nannte«, sagte Gladstone.

»Wir hatten nur sein Wort, keine Beweise.«

»Ich habe seinen Pass gesehen«, sagte Juliet.

»Es war das Erste, wonach ich gefragt habe. Darin stand sein Name. Er war Jan Oakley.«

»Bestimmt gibt es eine ganze Menge Oakleys und auch mehrere Jans«, beharrte Gladstone.

»Aber nicht in Polen, das glaube ich nicht«, sagte Meredith.

»Könnten wir vielleicht beim Thema bleiben?«, unterbrach Minchin die sich entwickelnde Diskussion. Sein Gesichtsausdruck war der eines Dompteurs, dessen Löwen allmählich außer Kontrolle gerieten. Jeden Augenblick konnte er drastische disziplinierende Maßnahmen ergreifen.

»Richtig«, sagte Gladstone.

»Es gibt einen alten Pflanzschuppen im hinteren Bereich der Gärten. Er muss seit Jahren abgesperrt gewesen sein. Ich war nie drin, aber nachdem Miss Oakley mir gesagt hatte, dass sie und ihre Schwester das Haus verkaufen würden, hielt ich es für besser, einen Blick hineinzuwerfen. Um eventuell aufzuräumen und zu entmisten, wissen Sie?« Er verstummte ein weiteres Mal und wartete auf Kommentare. Als keine kamen, setzte er seinen Bericht fort. Sein Gesicht rötete sich zunehmend, und sein gockelhaftes Erscheinungsbild litt mehr und mehr.

»Die Tür war durch ein Vorhängeschloss gesichert, und ich hatte keinen Schlüssel, also musste ich den gesamten Riegel abschrauben. Es gelang mir, die Tür zu öffnen und den Schuppen zu betreten. So ein Chaos können Sie sich nicht vorstellen! Es war ein richtiges Museum! Der Schuppen ist wahrscheinlich vor vierzig Jahren oder so zum letzten Mal benutzt worden, und alles stand noch herum! Das meiste ist immer noch da«, fügte Gladstone hinzu,»allerdings wurde ich dann gestört und kam nicht mehr dazu, die Arbeit fortzusetzen.« Er räusperte sich erneut.

»Ich sah mich jedenfalls um. Es gab jede Menge alter Flaschen und Dosen, Gärtnerzeugs, Dünger, Unkrautvernichter und dergleichen mehr. Alles altmodische Chemikalien. Die meisten davon kriegt man heute überhaupt nicht mehr zu kaufen. Ganz hinten auf einem Regal fand ich eine dunkle Glasflasche. Sie war völlig verstaubt. Der Stopfen saß fest, deswegen konnte ich sie nicht öffnen, aber dem Gewicht nach zu urteilen schätze ich, dass sie mindestens noch halb voll war. Das Etikett hatte sich bräunlich verfärbt, aber ich konnte sehen, dass es ein aufwendiges Ding war. Damals hat man sich mit allem noch viel mehr Mühe gegeben als heutzutage, selbst mit etwas so Einfachem wie einem Etikett. Sie sollten sich diese alten Werkzeuge in dem Schuppen ansehen …« Minchin verlagerte sein Gewicht auf dem Stuhl und atmete tief und hörbar ein. Gladstone fuhr hastig in seinem Bericht fort.

»Ich habe mir jedenfalls dieses Etikett genauer angesehen und konnte die Schrift entziffern. Ich erinnere mich noch ziemlich genau.« Er schluckte, und sein Adamsapfel tanzte über dem Krawattenknoten auf und ab, dann richtete er sich auf.

»Universelles Ratten- und Mäusegift«, rezitierte er.

»Befreit Ihr Haus garantiert von Ungeziefer und Schädlingen. International anerkanntes, preisgekröntes Mittel.« Abrupt verwandelte sich seine Stimme in ein ersticktes Krächzen.

»Warnung: Inhalt ist giftig! Enthält reines Arsen!«

»Was?«, riefen Minchin, Hayes und Pearce gleichzeitig.

»Ich weiß, ich weiß, was Sie jetzt sagen wollen …«, begann Gladstone.

»Wissen Sie das tatsächlich?«, grollte Superintendent Minchin.

»Sie wollen sagen, dass ich auf dem schnellsten Weg zum Haus gehen und Miss Oakley meinen Fund hätte melden sollen. Aber genau in diesem Augenblick kam jemand. Ich hörte schwere Schritte, keine der beiden alten Ladys. Also habe ich die Flasche auf das Regal zurückgestellt und bin nach draußen gegangen, um nachzusehen, wer es war. Er.«

»Wer, ›er‹?«, schnappte Minchin.

»Jan Oakley. Es war das erste Mal, dass ich ihn gesehen oder von seiner Existenz erfahren habe. Ich dachte zuerst, er wäre ein unbefugter Eindringling. Das passiert immer wieder. Ich habe es bereits Mr. Markby erzählt – irgendwelche Leute, die glauben, es wäre ein öffentlicher Park, und ihre Hunde dort ausführen. Jedenfalls, nachdem ich festgestellt hatte, wer er war, schloss ich die Tür des Schuppens wieder, weil ich beschlossen hatte, zu einem späteren Zeitpunkt aufzuräumen.«

»Haben Sie ihn wieder abgesperrt?«

»Nun ja … nein«, gestand Gladstone unglücklich.

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, ich musste den Riegel abschrauben. Ich hatte das Arsen ganz vergessen.«

»Vergessen?«, fragte Minchin in schierem Unglauben.

»Ja, vergessen! Ich hatte eine Menge anderer Dinge im Kopf!«, entgegnete Gladstone.

»Wegen der alten Ladys, die ihr Haus verkaufen wollen, und meinem Garten, auf dem wahrscheinlich dann neue Häuser gebaut werden, und dann taucht dieser Jan aus dem Nichts auf … Es ist schließlich nicht so, als hätte ich damit gerechnet, dass irgendjemand sich für die Pflanzhütte interessieren könnte, nicht wahr? Schließlich war sie fünfzig Jahre lang verschlossen, und niemand war drin! Nur die Ladys leben in diesem Haus, keine Kinder, die herumstromern und ihre Nasen in alles stecken, was sie nichts angeht! Warum sollten die Ladys den Schuppen betreten? Keine von beiden hat im Garten gearbeitet. Ich dachte, ich würde viel früher wieder zurückkehren, als ich es schließlich tat. Die Ereignisse haben mich überrollt, sozusagen.« Minchin sah aus, als hätte er Gladstone eine Menge dazu zu sagen, doch er beherrschte sich.

»Und dann dachte ich erst wieder an diesen Schuppen, als ich Mrs. Painter begegnet bin!« Minchin entfaltete die Hände und deutete auf Juliet Painter.

»Nein!«, entgegnete Gladstone heftig.

»Das ist Miss Painter. Die Schwester von Dr. Painter. Ich meine Mrs. Painter, die Ehefrau.«

»Meine Güte, ist sie etwa auch in diese Geschichte verwickelt?«, murmelte Hayes.

»Sie ist im Landrat«, sagte Gladstone, als würde dies die Angelegenheit erklären.

»Sie hat von diesem Jan Oakley erfahren und kam vorbei, um ihm ein paar deutliche Worte zu sagen, aber er war nicht da. Sie hat im Garten nach ihm gesucht und mich bei der Arbeit angetroffen. Ich habe ihr gesagt, dass ich diesen Oakley für einen Taugenichts halte, der nichts Gutes im Schilde führt. Sie meinte, alle wären sich dessen sehr wohl bewusst und ich sollte mir keine Sorgen machen. Dann ging sie wieder. Und in dem Augenblick, als sie weg war – Sie wissen ja, wie das manchmal so geht – fiel mir das Arsen im Schuppen wieder ein, und ich wünschte, ich hätte ihr davon erzählt. Mrs. Painter ist schließlich in der Verwaltung, und sie hätte wahrscheinlich gewusst, was damit zu machen ist!«

»Warten Sie, einen Augenblick.« Minchin hob die Hand.

»Dieses Zusammentreffen mit Mrs. Painter – wo genau fand das statt? In der Nähe dieses Pflanzschuppens oder vielleicht sogar darin?«

»Nein, es war bei den ehemaligen Ställen. Ich bewahre meine Werkzeuge dort auf. Wäre es in der Nähe des Schuppens gewesen, hätte ich bestimmt nicht vergessen, das Arsen zu erwähnen.«

»Und diese ehemaligen Ställe, wo genau liegen sie in Relation zu dem Pflanzschuppen?«, wollte Minchin wissen.

»Auf der anderen Seite des Grundstücks, beim Haus.« Gladstone unterbrach sich, um über das bisher Gesagte nachzudenken, und fügte schließlich hinzu:

»Ich weiß, es klingt merkwürdig, aber genauso war es! Verstehen Sie, ich habe mir solche Sorgen um Miss Oakley und ihre Schwester gemacht! Ich habe versucht, diesen Jan im Auge zu behalten. Ich habe zusätzliche Stunden im Garten gearbeitet, um in der Nähe zu sein und ihn zu beobachten. Ich war sogar an dem Samstag dort, an dem er gestorben ist, und normalerweise arbeite ich samstags nie! Und dann, bevor ich mich’s versah, war er tot! Ich habe erst am Montagmorgen davon erfahren, als ich wie üblich zur Arbeit erschien. Sonntags mache ich nichts im Garten. Die Bibel sagt, am siebten Tage soll man ruhen. Ich bin kein Kirchgänger, beileibe nicht, aber ich wurde christlich erzogen. Wir mussten alle in die Sonntagsschule, dafür hat mein Dad damals gesorgt. Er sagte, dadurch würden wir eine ordentliche Einstellung bekommen. Würde es heute noch Sonntagsschulen geben, hätten wir bestimmt weniger jugendliche Straftäter. Die Kinder müssen schließlich lernen, was richtig ist und was falsch!«

»Es geht hier nicht um jugendliche Straftäter, Mr. Gladstone!«, sagte Hayes mit seiner dünnen Stimme.

»Wer hat Ihnen erzählt, dass Jan Oakley tot ist?« Gladstone sah ihm widerwillig in die Augen.

»Miss Oakley hat es mir erzählt. Sie hat erzählt, er wäre am Samstagabend plötzlich ganz krank geworden und der Notarzt hätte ihn ins Krankenhaus gebracht, wo er dann gestorben wäre. Ich drückte ihr mein Beileid aus, und es tat mir Leid, nicht um diesen Jan, sondern weil sie sich nun auch deswegen Sorgen machen musste. Aber dieser Jan – um den hat es mir nicht Leid getan. Er war ein Quertreiber und hat nur Probleme gemacht.«

»Ron …«, murmelte Meredith leise. Es war besser, wenn Gladstone sich auf seine Schilderung der Entdeckung des Arsens beschränkte und Kommentare von dieser Sorte vermied. Minchin hatte sie gehört und funkelte sie wütend an.

»Ich glaube nicht, dass Mr. Gladstone eine Souffleuse benötigt, Miss Mitchell! Vielleicht hätten Sie und Miss Painter doch die Freundlichkeit, draußen auf dem Gang zu warten, während Mr. Gladstone seine Aussage beendet?« Es gab einen weiteren Tumult, während Gladstones Unterstützungskommando unter lautstarkem Protest die Räumlichkeit verließ.

»Ich dachte«, sagte Gladstone kleinlaut, nachdem wieder Ruhe eingekehrt war,»ich dachte, er wäre am Alkohol und an Drogen gestorben, weil es heutzutage doch immer so ist, nicht wahr? Die Zeitungen sind voll davon. Ich dachte, vielleicht hat er auch diese Ecstasy-Pillen geschluckt!« Er blickte Pearce flehend an, als erhoffte er sich nun von ihm die verloren gegangene Unterstützung der beiden Frauen.

»Hatte er denn welche?«, fragte Minchin.

»Das weiß ich nicht!«, entgegnete Gladstone entrüstet.

»Woher sollte ich auch? Ich habe darüber gelesen, das ist alles! Ich dachte, er macht das Gleiche wie die anderen jungen Leute, Alkohol und Drogen nehmen. Hätte mich nicht überrascht, ehrlich gestanden! Natürlich erfuhr ich später, dass er vergiftet wurde, aber ich dachte immer noch, dass es ein Unfall gewesen wäre, dass er irgendetwas Verdorbenes gegessen hätte oder so.« Gladstones Gestalt schien immer mehr in sich zusammenzusinken.

»Dann erfuhr ich heute Morgen von Miss Painter und Miss Mitchell, dass er mit Arsen vergiftet worden war. Tatsache war, ich war gerade vorher im Pflanzschuppen gewesen. Das Arsen war mir wieder eingefallen, und ich hatte beschlossen, Mrs. Painter anzurufen, um die beiden alten Oakley-Schwestern nicht noch mehr zu beunruhigen. Mrs. Painter hätte gewusst, was zu tun ist. Aber als ich in den Schuppen kam, war das Arsen verschwunden. Ich war noch nicht zu einem Entschluss gekommen, was ich nun machen sollte, als ich Miss Painter und Miss Mitchell traf und die Neuigkeiten erfuhr. Es war ein schlimmer Schock!«, schloss er. Minchin sah Pearce an.

»Inspector, könnten Sie es einrichten, dass Mr. Gladstone hier seine Aussage unterschreibt, sobald sie fertig getippt ist? Und geben Sie ihm eine Kopie.«

»Kein Problem«, sagte Pearce.

»Kommen Sie mit, Mr. Gladstone.«

»Einen Augenblick noch, Inspector!« Minchin hob eine massige Hand.

»Bringen Sie vorher diese beiden Frauen wieder rein, ja?« Pearce öffnete die Tür. Juliet und Meredith tauchten mit verdächtiger Bereitwilligkeit auf.

»Ich will Sie hier haben«, sagte Minchin zu den beiden,»weil ich möchte, dass Sie hören, wenn ich sage, dass Sie mit niemandem über diese Sache sprechen werden. Haben Sie das verstanden, Mr. Gladstone?« Ron Gladstone nickte.

»Und Sie beide ebenfalls, meine Damen?«, fragte Minchin an die Adresse von Meredith und Juliet gerichtet.

»Wir würden nicht im Traum daran denken, mit jemandem darüber zu reden«, sagte Meredith hölzern.

»Darf ich nicht mit meinem Bruder darüber reden?«, fragte Juliet.

»Er hat sich schon die ganze Zeit gefragt, woher das Arsen gekommen sein mag.«

»Warum lassen Sie nicht mich mit Dr. Painter reden?«, sagte Minchin und klatschte beide Handflächen auf den Tisch.

»Ich danke Ihnen«, sagte er.

»Ihnen allen.« Sie waren entlassen.

»Wenn ich richtig informiert bin«, sagte Meredith, entschlossen, höflich zu bleiben, denn schließlich waren diese beiden Neuankömmlinge Fremde in dieser Gegend,»dann werden Sie und der Inspector in meinem Cottage wohnen. Ich meine, es steht leer. Ich wohne im Augenblick nicht dort. Es ist voll möbliert und mit allem ausgestattet. Ich hoffe, Sie werden sich dort wohl fühlen.«

»In Ihrem Cottage?«, fragte Minchin schwer.

»Warum überrascht mich das irgendwie nicht im Geringsten?«

Sobald Pearce einen Augenblick Zeit fand, meldete er sich in Markbys Büro, um seinem Vorgesetzten Bericht über den Verlauf der Befragung zu erstatten.

»Ich dachte, Sie würden gerne auf dem Laufenden bleiben,

Sir, wie es so schön heißt.«

»Absolut, Dave. Selbstverständlich werden Sie alles Neue zuerst Superintendent Minchin melden. Er leitet diesen Fall. Ich hingegen bin verantwortlich für diese Einrichtung, und ich muss wissen, was alle hier tun und lassen.« Dave Pearce, nicht unerfreut über seine ihm zugedachte Rolle als Maulwurf, machte sich auf den Weg in die Kantine, um sein Mittagessen einzunehmen. Sergeant Prescott war bereits dort und vernichtete soeben den Rest seiner Mahlzeit, einer Bratwurst mit Pommes frites. Als Pearce den Raum betrat, verstummten schlagartig sämtliche Unterhaltungen. Nach ein paar Sekunden setzte wieder leises Gemurmel ein. Pearce ließ seine Dose mit Käse-Tomaten-Sandwichs neben Prescott auf den Tisch fallen.

»Was dagegen, wenn ich Ihnen Gesellschaft leiste, Steve?«

»Nein, Sir. Sie haben die beiden nur knapp verpasst.« Prescott schob seinen Kaffeebecher von sich.

»Wen verpasst?«

»Die Männer aus London.« Prescott bedachte den Inspector mit einem verschwörerischen Blick.

»Warum sind sie nicht geblieben?«, fragte Pearce.

»Hat es ihnen in der Kantine nicht gefallen?«

»Ich schätze, es war ihnen ein wenig zu voll«, antwortete Prescott.

»Sie wollten wahrscheinlich ungestört reden. Mr. Minchin hat mich gefragt, wie er nach Fourways House findet. Er hat gesagt, er müsste sich das Haus und die Gärten mit eigenen Augen ansehen. Ich habe ihm angeboten, sie beide hinzufahren, aber sie wollten alleine losziehen.« Prescott errötete, und schließlich fragte er zögernd:

»Wie sind sie so?« Pearce öffnete die dreieckige Plastikbox und nahm ein trocken aussehendes Graubrot-Sandwich hervor. Er klappte die beiden Scheiben auseinander und blickte wenig beeindruckt auf die dünne Scheibe Käse und die unreife Tomate, die als Belag dienten.

»Ich hab mir früher meine Sandwichs immer selbst gemacht«, brummte er.

»Schätze, ich sollte wieder damit anfangen. Das hier ist Mist.«

»Ich meinte nicht Ihre Sandwichs, Sir. Ich meinte …«

»Ich weiß, was Sie gemeint haben, Steve. Ich bin sicher, Superintendent Minchin und Detective Inspector Hayes werden die Beweise gewissenhaft und gründlich überprüfen und diesen Fall lösen, bevor wir überhaupt merken, was passiert. Sie werden uns Bauerntölpeln vom Land zeigen, wie man so et was macht.« Prescott räusperte sich.

»Ich weiß nicht, ob ich dies erwähnen sollte, Sir, aber die beiden haben sich bereits Spitznamen eingefangen.«

»Das ging wirklich schnell«, sagte Pearce, der wusste, dass jeder Neuankömmling in der Kantine seinen Spitznamen abbekam, insbesondere dann, wenn er so aus der Masse ragte wie Minchin oder Hayes.

»Sie nennen die beiden, äh, Flash Harry und das Frettchen.« Pearce brach in schallendes Gelächter aus und hätte sich fast an seinem Sandwich verschluckt.

»Ich dachte mir, dass es Sie ein wenig aufmuntern würde«, sagte Prescott grinsend.

»Es ist ein Trost, Steve«, sagte Pearce.

»Danke, dass Sie es mir verraten haben.« Er überlegte, ob es unbotmäßig wäre, die Neuigkeit an Markby weiterzuleiten, und kam zu dem Schluss, dass dem leider wohl so war.

KAPITEL 21

DER NACHMITTAG war sehr warm geworden. Die Hitze fing sich über dem Gelände von Fourways House, wurde von den hohen Steinmauern ringsum und dem alten Haus absorbiert und festgehalten. Das Gemäuer schien vor dem dunklen, senffarbenen Hintergrund aus Bäumen und rollenden Hügeln vor sich hin zu dösen. Kleine weiße Schäfchenwolken hingen bewegungslos am Himmel und bezeugten die Abwesenheit jeglichen Windes. Der Anblick wirkte wie aus einem Ölgemälde. Es war dort, doch irgendwie war alles nicht real. Minchin und Hayes standen vor dem Tor zu der heckengesäumten Auffahrt und nahmen den Anblick schweigend in sich auf. Sie wirkten gehörig beeindruckt. Hayes fing sich als Erster.

»Nicht schlecht, wie?«, fragte er.

»Ich meine, als Polizist auf dem Land zu arbeiten? Durch die Gegend zu fahren, hier und dort Häuser wie dieses aufzusuchen? Besser jedenfalls als sich seinen Weg durch Häuserschluchten zu bahnen und in Hochhäusern rumzulaufen, ständig auf der Hut, dass man nicht angepöbelt wird, und in Sorge, dass die Reifen nicht aufgeschlitzt werden und noch am Wagen sind, wenn man zurückkommt.«

»Dieses Kaff, dieses Bamford, ist größer, als ich gedacht hätte«, gab Minchin zu. Er blickte anerkennend auf Fourways House.

»Ich schätze, sie haben hier genauso ihre Trunkenbol de, Schläger und Drogensüchtigen wie wir.«

»Amateure!«, sagte Hayes bitter und tat Bamfords kriminelle Szene damit ab.

»Sie müssen hier erst noch lernen, wie man mit den richtig hartgesottenen Brocken umgeht.« Minchin hatte seine Aufmerksamkeit auf die mit Zinnen verzierte Hecke gerichtet.

»Schick getrimmt«, sagte er.

»Wie schätzen Sie den alten Knaben ein? Halten Sie ihn für aufrichtig?« Hayes zuckte die Schultern.

»Wenn ich eine Flasche mit Arsen gefunden hätte, würde ich sie jedenfalls nicht einfach wieder zurückgestellt und vergessen haben. Andererseits macht man sich über derartige Dinge vielleicht nicht allzu viele Gedanken, wenn man in einer Gegend wie dieser wohnt. Ein Tag ist wahrscheinlich wie der andere, und die Leute handhaben die Dinge laxer als wir. Er mochte den Toten nicht, richtig?«

»Wie es scheint, mochte ihn niemand.«

»Werden Sie die alten Mädchen befragen?«

»Heute nicht, nein. Ich möchte zuerst ein allgemeines Bild von der Lage. Wir werden uns diesen Pflanzschuppen und die Stallungen ansehen, dann sind wir wieder weg. Morgen ist es immer noch früh genug, um mit den beiden Besitzerinnen zu reden.« Bei der Erwähnung von Besitz wurde Hayes’ Aufmerksamkeit auf das Haus zurückgelenkt.

»Merkwürdiges Haus, finden Sie nicht? Wie aus einem Horrorfilm, lauter schiefe Winkel und Erker, spitze Fenster wie in einer Kirche, und was soll dieser Turm dort oben in der Ecke?«

»Es ist ein Prunkbau«, gab Minchin seine Meinung zum Besten.

»So haben sie in den alten Tagen gebaut, als sie noch mehr Geld hatten, als sie ausgeben konnten. Sie haben sich Prunkbauten hingestellt.«

»Was schätzen Sie, was das alles wert ist?«

»Genug, um dafür zu morden«, sagte Minchin knapp.

»Kommen Sie.« Hayes nahm eine Zigarette aus einer zerknitterten Packung und steckte sie an. Die Männer gingen schweigend nebeneinander her. Sie umrundeten methodisch den äußeren Rand des Grundstücks, bevor sie die einzelnen Abschnitte und Gärten in Augenschein nahmen. Sie fanden den Pflanzschuppen und untersuchten die Gegenstände darin.

»Okay?«, fragte Minchin, als er mit seiner Hälfte fertig war.

»Okay«, sagte Hayes.

»Vorausgesetzt, niemand hier will eine Bombe basteln. Haben Sie die Säcke voll Dünger bemerkt?« Sie verließen den Schuppen und gingen zu den Ställen. In der alten Sattelkammer fanden sie Hinweise auf Ron Gladstones Tätigkeit, einen Campingofen, einen Wasserkessel, einen Becher, ein Glas Instant-Kaffee, eine gefaltete Zeitung aktuellen Datums.

»Hat sich hübsch gemütlich eingerichtet«, bemerkte Hayes.

»Die Frage ist, was würde er tun, damit er das alles nicht verliert?« Minchin setzte sich auf eine Bank.

»Wir wissen, wann der Gärtner das Arsen gefunden hat. Wir wissen nicht, wann es verschwunden ist. Der Schuppen war unverschlossen. Jeder hätte hineingehen und es nehmen können.« Er begann an den kraftvollen Fingern Namen abzuzählen.

»Wir wissen, dass Gladstone im Schuppen war. Eine der beiden alten Ladys oben im Haus hätte hineingehen können. Der Tote selbst hätte hineingehen können, das sollten wir ebenfalls nicht vergessen. Dann ist da diese Frau, diese Mrs. Painter vom Landrat. Sie hätte hineingehen können, als sie den Gärtner gesucht hat. Genauso gut wie die beiden anderen Frauen, Juliet Painter und Meredith Mitchell. Das Grundstück hat kein verschließbares Tor. Jeder zufällige Passant hätte es betreten und sich umsehen können, ob es etwas Lohnenswertes zu stehlen gibt.«

»Nun, das engt den verdammten Kreis der Verdächtigen wirklich ein«, sagte Hayes sarkastisch.

»Ja, nicht wahr?« Minchin grinste dünn und lehnte sich mit dem Kopf an die Wand. Seine Blicke gingen über die Einrichtung der Sattelkammer mit den Haltepflöcken.

»Ja«, sagte er leise.

»Für diesen Besitz könnte man morden.« Draußen ertönte das Geräusch scharrender Schritte. Sie wechselten Blicke. Hayes trat seine Zigarette auf dem Boden aus und zermalmte den Stummel mit dem Absatz.

»Wer ist dort?«, fragte eine unsichere, ältere weibliche Stimme.

»Keine Sorge, Ma’am!«, rief Minchin zurück.

»Wir sind von der Polizei.« Die Tür wurde knarrend geöffnet, und Damaris Oakley erschien im Eingang. Sie trug einen der Hüte ihres verstorbenen Vaters, einen vergilbten Panama, und ein altmodisches Kleid aus Leinen mit angesetztem Oberteil. An den Füßen hatte sie abgetragene Baumwollschuhe, die an beiden großen Zehen aufgerissen waren.

»Ich glaube nicht«, sagte sie vorwurfsvoll,»dass ich Sie beide kenne.« Minchin reichte ihr seinen Dienstausweis und stellte sich und den Inspector vor.

»Wir sind aus London hierher ge kommen, Ma’am, um bei der Lösung des Falles zu helfen.«

»O ja, natürlich. Alan hat gesagt, dass Sie kommen würden. Warum sind Sie hier drin?« Damaris hatte den Ausweis sorgfältig studiert und gab ihn nun zurück.

»Ich bin Damaris Oakley.«

»Wir wollten uns lediglich ein wenig umsehen, Miss Oakley.«

»Das haben die anderen Polizisten bereits getan. Unsere Bamforder Polizisten«, erwiderte sie.

»Möchten Sie mit mir oder meiner Schwester sprechen? Meine Schwester hält gerade einen Mittagsschlaf. Für sie ist das alles hier sehr anstrengend.«

»Wir möchten Sie im Augenblick nicht weiter belästigen, Ma’am«, sagte Minchin.

»Einer von uns beiden wird morgen wieder vorbeikommen, wenn wir Gelegenheit hatten, uns mit den Einzelheiten vertraut zu machen. Der Inspector und ich sind heute Morgen erst in Bamford eingetroffen.« Sie starrte die beiden Männer an, und ihre Unsicherheit kehrte zurück.

»Verstehen Sie mich nicht falsch«, sagte sie,»aber ich weiß wirklich nicht, warum man Sie eigens aus London hergeschickt hat.«

»Das in Frage zu stellen steht uns nicht zu, Ma’am«, erwiderte Minchin in einem Tonfall, der eine Spur zu versöhnlich war. Damaris sah ihm in die Augen.

»Ganz recht. Obwohl ich für meinen Teil hoffe, dass es keine weiteren Toten mehr geben wird.« Die beiden Männer aus London starrten sie verblüfft an.

»Sie rechnen mit weiteren Toten?«, fragte Minchin.

»Nein, selbstverständlich nicht. Ich habe schon nicht mit dem ersten gerechnet. Man rechnet doch nie mit so etwas«, sagte sie schroff.

»Ich habe mich auf das Zitat bezogen, das Sie benutzt haben. Es heißt nämlich ›ihnen‹, und nicht ›uns‹, wie Sie wahrscheinlich wissen werden. ›Dies in Frage zu stellen steht ihnen nicht zu. Sie werden es schaffen oder sterben.‹ Es ist aus Der Angriff der Leichten Brigade. Mein Vater war sehr begeistert von Lord Tennyson.« Sie zögerte und dachte nach.

»Heute sehe ich die Dinge in dieser Dichtung mit ganz anderen Augen als damals, als ich ein Mädchen war und sie gelesen habe. Jemand hätte nach dem Warum fragen sollen, nicht wahr? Ob es ihm nun zusteht oder nicht, meine ich. Wir freuen uns darauf, Sie wiederzusehen, Superintendent.« Sie wandte sich ab und ging.

»Ist sie durchgeknallt oder was?«, fragte Hayes seinen Chef.

»Nein …« Auf dem Gesicht des Superintendents erschien ein anerkennendes Grinsen.

»Sie ist ein gerissener alter Fuchs, jawohl.«

»Glauben Sie, dass sie jemanden ermorden könnte?«

»Was? Oh. Ja, ganz sicher. Wenn sie beschließt, jemanden umzubringen, dann wird sie es tun«, sagte Minchin.

»Möglich, dass sie es sogar als ihre Pflicht betrachtet, falls er eine Bedrohung darstellt. Diese Generation ist sehr von Pflichterfüllung geprägt. Nun ja, kehren wir um und werfen einen Blick in das Pub, an dem wir auf dem Weg hierher vorbeigekommen sind. Vielleicht ist die Küche noch nicht geschlossen, und wir bekommen eine kleine Mahlzeit.« Wenige Minuten später erreichten sie den Parkplatz vom The Feathers und stiegen aus dem Wagen, um das Pub genauso aufmerksam in Augenschein zu nehmen wie kurze Zeit zuvor Fourways House.

»Ein hübsches altes Lokal«, sagte Hayes anerkennend.

»Man kann über das Land sagen, was man will – es gibt ein paar verdammt schicke Pubs hier draußen.« Sie näherten sich dem Gebäude. Weil es ein warmer Tag war, hatten sich einige Gäste draußen an langen Gartentischen niedergelassen. Nach ihren festen Stiefeln zu urteilen, schienen sie zu einem Wanderclub zu gehören. Minchin und Hayes gingen zwischen ihnen hindurch zur Tür und betraten das Pub. Dolores Forbes erschien mit verschränkten Armen vor ihnen, als hätte sie eine Art siebten Sinn und ihre Ankunft gespürt.

»Noch mehr Cops!«, sagte sie kampflustig.

»Als hätte ich nicht schon genug Fragen beantwortet! Der andere Typ hatte wenigstens so viel Anstand vorbeizukommen, bevor wir aufgemacht haben. Was wollen Sie?«

»Nur eine Mahlzeit, meine Liebe, weiter nichts«, erwiderte Minchin übertrieben freundlich. Dolores taute sichtlich auf und nahm die Arme herunter, was den beiden Beamten einen besseren Blick auf ihre prachtvolle Büste gestattete.

»Dann ist es ja gut. Warum setzen Sie sich nicht dort drüben an den Tisch, in der Ecke, wo Sie ungestört sind? Ich bringe Ihnen gleich die Speisekarte. Heute haben wir Chili con Carne im Sonderangebot.«

»Keine Würstchen mit Kartoffelpüree?«, fragte Hayes sehnsüchtig.

»Selbstverständlich kann ich Ihnen auch Würstchen und Kartoffelpüree machen!«, sagte Dolores empört.

»Darren!« Ihre Aufmerksamkeit wurde auf das kleinlaute Individuum hinter dem Tresen gelenkt.

»Bring diesen Gentlemen hier einen Drink auf Kosten des Hauses!« Bei diesen Worten starrte Darren die Wirtin an, als traute er seinen Ohren nicht. Er blinzelte nervös.

»Ja, Dolores.« Dolores lächelte Minchin wohlwollend an.

»Ich bin gleich bei Ihnen.«

»Sie ist in Ordnung«, kommentierte Hayes, nachdem sie an dem Tisch in der Ecke Platz genommen hatten, der ihnen von Dolores zugewiesen worden war, und der immer noch schockiert wirkende Darren ihnen zwei Pints auf das Haus serviert hatte.

»Eine von der gesprächigeren Sorte«, bemerkte Minchin.

»Warten wir ab, was sie uns über dieses Haus zu erzählen hat.« Er nickte mit dem Kopf in die allgemeine Richtung, in der Fourways House lag. Sie mussten nicht lange auf das Essen warten und machten sich heißhungrig und schweigend über ihre Mahlzeit her. Immer schön eines nach dem anderen. Erst nachdem sie gegessen und den Nachtisch höflich abgelehnt hatten, wurde Minchin wieder offiziell. Er ging zum Tresen, wo Dolores nun residierte. Darren war zu irgendeiner Aufgabe in der Küche abkommandiert worden.

»Hübscher Laden«, sagte Minchin.

»Wir hätten gerne noch zwei Pints. Und Sie sind ebenfalls zu einem Drink eingeladen, was immer Sie mögen.«

»Danke sehr«, sagte Dolores.

»Ich nehme eine Cola mit Rum. Sind Sie sicher, dass Sie keinen Zitronenpudding haben möchten? Ich habe ihn selbst gemacht.«

»Ich bin versucht, glauben Sie mir«, log Minchin mit beeindruckender Ernsthaftigkeit.

»Aber ich muss auf meine Fi gur aufpassen.« Er klopfte sich auf den Magen.

»Hören Sie auf!«, sagte Dolores.

»So ein prachtvoller Bursche wie Sie? Sie müssen sich bestimmt keine Sorgen machen! Ich für meinen Teil mag Männer mit ein wenig Fleisch auf den Knochen.« Unglücklicherweise tauchte genau in diesem Augenblick der schmächtige Darren wieder auf.

»Dolores? Die Bäckerei ist am Telefon wegen dieser Baguettes, die du zurückgehen lassen hast.«

»Du machst das schon, Darren!«, befahl sie schnarrend, und er huschte wieder davon.

»Mein früherer Ehemann«, wandte sie sich wieder an Minchin,»war ein großer Bursche, genau wie Sie. Er war im Fitnesscenter, wissen Sie? Unsere Ehe hat nicht lange gehalten. Charlie war ein Londoner. Ich sage ja immer, Londoner haben Stil. Nicht wie diese Bande«, nickte sie abfällig in Richtung eines der Wandersleute, der sich vom Tisch erhoben hatte und nun auf den Tresen zukam. Er bestellte eine Runde Radler, und während Dolores die Getränke fertig machte, studierte Minchin die Plakette, die an den Eichenbalken über dem Tresen geschraubt war. Darauf stand, dass der Lizenzinhaber für diese Bar eine gewisse Dolores Bernadette Forbes war. Der einzige Charlie Forbes, den Minchin kannte, war ein Bankräuber gewesen und saß gegenwärtig seine Strafe in Wormwood Scrubs ab.

»Genau«, sagte Minchin, während er einen Schluck von seinem Pint trank und einen Blick mit Hayes wechselte, der noch immer am Tisch in der Ecke saß und sich eine Zigarette angesteckt hatte. Er war umgeben von einer blauen Dunst wolke. Dolores war zu Minchin zurückgekehrt.

»Sie wollen mehr über ihn rausfinden, hab ich Recht? Den Typ, der vergiftet worden ist? Aber er wurde nicht hier in diesem Lokal vergiftet, ganz bestimmt nicht!« Ihr normales kampflustiges Benehmen war zurück.

»Selbstverständlich nicht!«, sagte Minchin im Brustton der Überzeugung, und Dolores entspannte sich sichtlich.

»Er hat hier gegessen, richtig?«

»Jeden Abend, das billigste Essen auf der Karte. Er hat nichts dafür bezahlt. Die beiden alten Mädchen haben die Rechnung beglichen. Er war ein richtiger Schmarotzer. Ich konnte ihn nicht ausstehen! Ich kenne diese Sorte, wissen Sie? Eine Schande, dass er ermordet worden ist, sicher, aber trotzdem. Er hat es wahrscheinlich herausgefordert.«

»Nun ja …«, murmelte Minchin. Dolores war nun in voller Fahrt. Sie lehnte sich auf den Tresen mit dem Ergebnis, dass Minchin ihre gewaltige Büste direkt vor sich hatte. Er schloss für einen Moment die Augen.

»Der andere Beamte, der hier war … er hat gefragt, ob ich gesehen hätte, wie Oakley sich mit jemandem unterhalten hat. Ich hab ihm gesagt, dass er mit keinem geredet hat, außer mit Superintendent Markby und seiner Freundin. Aber nachdem er weg war, der andere Polizist meine ich, ist es mir wieder eingefallen.« Minchin hatte einen weiteren Schluck trinken wollen. Er erstarrte mit dem Glas auf halbem Weg zum Mund.

»Aha?«

»Verstehen Sie, der andere hat gefragt, ob ich Oakley mit jemandem im Pub hätte reden sehen, hier drin.« Dolores deutete auf ihre Umgebung.

»Das hat mich irritiert. Weil es nicht im Pub war, sondern draußen, auf dem Parkplatz. Es war am Donnerstagabend. Ich erinnere mich daran, weil es der erste Tag im Jahr gewesen ist, an dem es warm genug war, um auch draußen zu servieren. Deswegen bin ich rein in den Laden und raus und hin und her, und dabei hab ich ihn gesehen. Ich dachte, er wäre bereits weg, Oakley, und war überrascht, als ich ihn draußen auf dem Parkplatz hab reden sehen, mit so einem Kerl, der gerade aus dem Wagen stieg. Ich kenne diesen Kerl. Es war Dudley Newman, der Bauunternehmer. Hat eine Menge Kohle und ein großes Haus. Na ja, Newman war jedenfalls nicht im Pub gewesen, sonst hätte ich es ja bemerkt. Also hab ich die beiden beobachtet, und nachdem sie sich eine Weile unterhalten hatten, ging Oakley weg, und Newman stieg in seinen Wagen und fuhr davon. Und das …«, sagte Dolores mit einem Triumphieren in der Stimme,»… und das kann nur bedeuten, dass Newman nicht hergekommen ist, um in meinem Pub zu essen oder zu trinken, richtig? Er ist hergekommen, um sich mit diesem Oakley zu treffen! Und über was haben die beiden geredet? Irgendwelche Geschäfte, wenn Sie mich fragen. Geld, jede Wette!«

»Sehr wahrscheinlich haben Sie Recht, Dolores«, sagte Minchin und hob sein Glas.

»Danke sehr … und prost!«

In der Zwischenzeit stand Dave Pearce Auge in Auge einem Schäferhund gegenüber. Nachdem Sergeant Steve Prescott ihm mitgeteilt hatte, dass die beiden Londoner Neuankömmlinge nach Fourways House aufgebrochen waren, hatte er beschlossen, seine Zeit zu einem Besuch bei dem Taxifahrer Kenny Joss zu nutzen. Vor der Tür von Kennys Haus angekommen, hatte man ihn zur Garage geschickt. Es war eine große Garage, in der zwei Fahrzeuge bequem Platz fanden, und sie war, wie es aussah, wie eine Werkstatt eingerichtet. Auf einem Schild über dem Tor stand zu lesen: K. Joss – Taxiunternehmen, gefolgt von einer Telefonnummer. Das Geräusch von Arbeit, das Kratzen von Metall auf Metall und ein leises, schräges Pfeifen verrieten Pearce, dass Kenny in seiner Garage arbeitete. Doch zwischen Pearce und Kenny stand der Schäferhund.

Er gehörte zu der langhaarigen Sorte, dunkelbraun mit gelben Augen. Das Maul war halb geöffnet, die Zunge hing hechelnd wegen der Hitze des Tages hervor, und hinter den Lefzen blitzten scharfe, spitze Zähne. Dave trat einen Schritt vor. Der Schäferhund bellte.

»Schon gut«, sagte Dave zu dem Tier.

»Ganz wie du meinst.« Er hob die Stimme.

»Mr. Joss?« Die Geräusche in der Garage verklangen, und nach einigen Sekunden steckte Kenny Joss den Kopf durch das Tor.

»Hallo«, sagte er.

»Keine Angst vor dem Hund. Er ist ein sanftmütiger großer Bursche.«

»Ich würde es trotzdem vorziehen, wenn Sie ihn aus dem Weg nehmen«, sagte Pearce.

»Polizei.«

»Ich weiß, dass Sie von der Polizei sind«, sagte Kenny Joss.

»Los, Bruce, mach Sitz!« Bruce, der Schäferhund, wackelte mit dem Schwanz und trollte sich in eine Ecke der Garage, wo eine schmuddelige Decke auf dem Boden ausgebreitet lag. Er ließ sich darauf nieder und legte die Schnauze auf die Vorderpfoten, ohne Pearce dabei aus den Augen zu lassen. Kenny Joss wischte sich die Hände an einem schmierigen Lappen ab.

»Was wollen Sie?«, fragte er.

»Es geht um unsere Ermittlungen zum Tod von Jan Oakley …«, begann Pearce und wurde sogleich unterbrochen.

»Darüber weiß ich absolut nichts!«

»Sie waren an Jan Oakleys Todestag auf Fourways House«, entgegnete Pearce.

»Na und? Es war rein geschäftlich und nicht das, was man einen Besuch nennen könnte! Ich habe die beiden alten Frauen zum Einkaufen gefahren. Ich fahre sie jeden Samstag zum Einkaufen. Bringe sie in die Stadt und wieder zurück, genau wie letzten Samstag. Ende der Geschichte. Außerdem hab ich das alles schon einem Ihrer Kollegen erzählt. Er wollte wissen, um wie viel Uhr genau ich gekommen bin und wann ich die Oakley-Schwestern wieder nach Hause gebracht habe. Ich hab es ihm gesagt, und er hat alles fein säuberlich aufgeschrieben.« Pearce hatte schon früher mit Angehörigen des Joss-Clans zu tun gehabt, und ihre unweigerliche Reaktion auf jegliche Andeutung einer Unregelmäßigkeit war ein augenblickliches und kategorisches Dementi. Aus diesem Grund nahm Dave zunächst einmal keine Notiz von Kenny Joss’ Protesten.

»Sind Sie ins Haus gegangen?«

»Nicht, als ich sie abgeholt habe, nein, da nicht. Ich hab mich auf ein Wort mit Ron, dem Gärtner, unterhalten, dann bin ich nach hinten zur Küchentür gegangen, weil die normalerweise nicht abgeschlossen ist. Ich hab den Kopf reingesteckt und gepfiffen.«

»Gepfiffen?«, fragte Pearce verblüfft.

»Um sie auf mich aufmerksam zu machen, Sie wissen schon. Dann hab ich ›Jemand zu Hause?‹ gerufen, ›Taxi ist da!‹ oder irgendwas in der Art. Die beiden Ladys kennen mich. Ich necke sie hin und wieder ein wenig. Sie haben nichts dagegen. Es sind nette alte Mädels, wissen Sie?«

»Was geschah danach?« Pearce bezweifelte, dass die Oakleys es mochten, wenn sie wie Hunde herbeigepfiffen wurden.

»Nichts geschah dann«, antwortete Kenny irritiert.

»Sie kamen in die Küche. Sie waren fertig zur Abfahrt, angezogen und so weiter, und beide hatten lustige Hüte auf. Ich ging zum Taxi, und sie folgten mir, und dann fuhr ich sie in die Stadt. Wir vereinbarten eine Zeit und einen Treffpunkt. Es war die übliche Stelle, vor dem Crown Hotel. Das ist alles.« Pearce runzelte die Stirn.

»Haben Sie beobachtet, ob sie die Küchentür abgesperrt haben, bevor sie losgefahren sind? Es ist ein altmodisches Schloss, wenn ich mich recht entsinne.«

»Kann ich nicht sagen. Sie waren hinter mir. Ich bezweifle es allerdings. Sie schlossen nie ab. Sie waren daran gewöhnt, ganz allein in diesem Haus zu leben. Ich hab ihnen immer wieder gesagt, sie sollen vorsichtiger sein.«

»Haben Sie Jan Oakley gesehen?« Kenny zögerte.

»Nein. Nicht als ich sie abgeholt hab jedenfalls.«

»Aber später?« Kenny war nervös geworden, was Pearce nicht entging.

»War er da, als Sie die beiden Schwestern wieder nach Hause gebracht haben?«

»Ja, er war da«, gestand Kenny.

»Ich hab allerdings nicht mit ihm geredet. Hab ihn nur kurz gesehen, das ist alles.«

»Wo?«

»Als er aus der Tür kam.«

»Welcher Tür?«

»Der Küchentür.« Pearce spürte, wie sich in seinem Kopf alles zu drehen begann.

»Fangen wir noch einmal von vorne an«, sagte er.

»Erzählen Sie mir bitte ganz genau, was Sie getan haben, als sie die Oakley-Schwestern nach Hause brachten.« Kenny räusperte sich. Der Schäferhund spitzte die Ohren und wandte den Blick von Pearce zu seinem Herrn. O ja, dachte Pearce, irgendetwas macht deinem Herrchen Sorgen, und sowohl du als auch ich können es spüren.

»Ich bin zum Haus gefahren«, begann Kenny vorsichtig.

»Ich hab draußen bei diesem alten Springbrunnen geparkt. Es ist kein Wasser mehr drin, aber ich glaube, es ist ein Springbrunnen. Haben Sie ihn gesehen?« Pearce nickte, und Kenny fuhr fort:

»Ich parke immer an dieser Stelle. Ich half den Schwestern aus dem Wagen. Sie gingen vor mir her ins Haus …«

»Wieder durch die Küchentür?« Kenny schüttelte den Kopf.

»Nein, diesmal durch die Vordertür. Sie gingen durch die Vordertür, aber ich benutzte die Küchentür.«

»Sie gingen ins Haus?«

»Natürlich ging ich rein.« Kenny klang mehr ärgerlich als defensiv.

»Ich habe den beiden die Einkäufe reingetragen. Das mache ich immer. Sie sind alte Leute, und es gehört zum Service. Die Leute erwarten ein wenig Hilfe von uns Taxifahrern.« Und ihr Taxifahrer erwartet ein wenig Trinkgeld, dachte Pearce. Laut sagte er:

»Erzählen Sie weiter.«

»Richtig. Ich nahm ihre Taschen aus dem Kofferraum und trug sie um das Haus herum zur Küche. Ich packte die frischen Sachen in den Kühlschrank und den Rest auf den Küchentisch.«

»Und dann haben Sie Jan Oakley gesehen? War er in der Küche?« Der Hund spitzte erneut die Ohren. Pearce dankte ihm insgeheim. Das Tier war besser als jeder Lügendetektor, und es tat seinem Herrn damit keinen Gefallen.

»Er kam aus der Küchentür, als ich reingehen wollte«, sagte Kenny.

»Er streifte ganz dicht an mir vorbei. Ich sagte Hallo, und er antwortete irgendwas in der Art. Das ist alles. Wir haben uns nicht unterhalten, so kann man es nicht nennen, und das ist die Wahrheit.« Das war nicht ganz die Wahrheit – irgendetwas stimmte hier nicht, doch Pearce wusste nicht, was es war.

»Was ist mit den beiden Frauen?«, fragte er.

»Haben Sie die Oakley-Schwestern noch einmal gesehen? Um das Fahrgeld zu kassieren?«

»Sie haben ein Konto«, antwortete Kenny.

»Ich schreibe alles auf, und sie bezahlen mich einmal im Monat. Sie sind Stammkunden.«

»Dann sind Sie also einfach weggefahren und haben sie nicht mehr gesehen?« Der Hund stieß ein leises Winseln aus.

»Ich war noch mal kurz bei ihnen, um mich zu verabschieden«, berichtete Kenny.

»Sie waren im Hausflur, ich ging durch und sagte ›Bis nächste Woche‹ oder etwas in der Art. Dann bin ich gegangen.«

»Danke sehr, Mr. Joss«, sagte Pearce. Kenny blickte erleichtert drein, doch seine Erleichterung war nur von kurzer Dauer.

»Wir werden uns bestimmt wieder bei Ihnen melden«, fügte Pearce hinzu.

»Nur zu«, sagte Kenny, und man merkte ihm seine Verstimmung an. Er wandte sich ab, um wieder in seine Garage zu gehen, doch am Tor zögerte er. Er blickte sich zu Pearce um.

»Hören Sie!«, rief er. Pearce, im Begriff, in seinen Wagen zu steigen, hob den Kopf.

»Anstatt mich zu belästigen«, sagte Kenny Joss,»warum belästigen Sie nicht diesen Dudley Newman?«

»Newman? Den Bauunternehmer?« Newman war eine bekannte Gestalt in der Gegend, doch es war das erste Mal, dass Pearce Newmans Namen in Verbindung mit dem Fall zu hören bekam. Er wurde neugierig.

»Newman? Was hat Dudley Newman mit dieser Sache zu tun?«

»Woher soll ich das wissen? Aber ich habe diesen Jan Oakley einmal mittags in der Stadt gesehen, in einem Pub, wo er sich mit Newman unterhalten hat. Es war nicht das Crown Hotel, es war … warten Sie …« Kenny runzelte die Stirn.

»Ich glaube, es war das The George. Fragen Sie mich nicht nach dem genauen Tag, aber ich glaube, es war ein Freitag.« Er nickte Pearce ein letztes Mal zu und war in seiner Garage verschwunden. Normalerweise gaben die Josses keine Informationen irgendwelcher Art an die Polizei weiter. Es war ein Prinzip der Familie. Die Tatsache, dass Kenny es trotzdem getan hatte, verriet Pearce, wie betroffen er war. Er wollte Pearce von sich ablenken. Ob Newman ein lohnenswertes Ziel war, musste sich erst noch herausstellen.

»Guter Hund«, sagte Pearce zu dem Schäferhund. James Holland saß in seinem Arbeitszimmer und bereitete eine Predigt für den kommenden Sonntag vor. Er kam nicht sonderlich gut voran. Trotz häufigen Nachschlagens in einem abgegriffenen Textbuch und viel Kopf- und Bartkratzen wollte ihm nichts einfallen, und er hatte erst ein einziges Blatt mit Notizen voll. Von Zeit zu Zeit wanderte sein Blick sehnsüchtig zu dem Superbike Magazine, das neben ihm auf einem Stuhl lag. Ein Klopfen an den französischen Fenstern weckte seine Aufmerksamkeit. Er blickte auf, sah, wer seine Besucherin war, und legte erleichtert den Stift beiseite.

»Es ist offen!«, rief er und erhob sich trotzdem, um sie einzulassen. Juliet Painter trat über die Schwelle.

»Störe ich, James?« Sie deutete auf die unvollendete Predigt.

»Im Gegenteil«, antwortete der Vikar.

»Ich leide an einer Schreibblockade, schätze ich. Ich wollte sowieso gerade aufstehen und mir einen Kaffee machen. Jetzt habe ich Besuch – umso besser. Ich kann statt Kaffee Stachelbeerwein anbieten, selbst gemacht von einem Gemeindemitglied. Er ist ganz ausgezeichnet, glauben Sie mir. Haben Sie Lust auf ein Glas?« Er ging zu seinem bescheidenen Getränkefach und öffnete die Klappe. Juliet hatte das Magazin auf dem Stuhl liegen sehen und verbarg ein Grinsen.

»Eine ausgezeichnete Idee, James. Genau das, was ich jetzt gebrauchen könnte.«

»Was kann ich für Sie tun?«, erkundigte sich der Vikar, nachdem beide ein Glas in der Hand hielten und es sich auf den Sesseln gemütlich gemacht hatten.

»Oder ist dies lediglich ein Freundschaftsbesuch?«

»Teils Freundschaftsbesuch, teils geschäftlich«, gestand Juliet.

»Sie können sich denken, was mich zu Ihnen getrieben hat. Es ist diese elende Geschichte von dem Mord an Jan Oakley und die Frage, was aus den Schwestern werden soll. Haben Sie in letzter Zeit mit den beiden gesprochen?« Er nickte.

»Ich war gestern Abend bei ihnen. Ich denke, sie halten sich recht gut, wenn man bedenkt, was auf ihren Schultern lastet. Sie sind sehr dankbar für Ihre Hilfe und Unterstützung.« Juliet verzog das Gesicht.

»Ja, das weiß ich. Es ist eine Last, das können Sie mir glauben. Hätte ich, als ich mich einverstanden erklärt habe, ihnen beim Verkauf ihres Besitzes und der Suche nach einer geeigneten Wohnung zu helfen, gewusst, dass es damit endet, dass ich in einem Mordfall von der Polizei verhört werde …«

»Keiner von uns konnte das ahnen«, sagte James Holland.

»Wie auch?« Juliet suchte nach den richtigen Worten.

»Es ist … unangenehm. Diese ganze Sache ist so … hässlich. Sicher, Mord ist immer eine hässliche Geschichte, aber das hier … es ist wirklich übel.«

»Mord ist übel«, sagte der Vikar.

»Aber ich weiß, was Sie sagen wollen. Ich lese gerne Krimis, aber das hier ist real. Es ist in unserer Gemeinde passiert. Es ist jemandem passiert, den wir kannten. Es fand in einem Haus statt, das wir kannten, in dem wir mehr oder weniger ein und aus gegangen sind, und es sind Menschen darin verwickelt, die wir vor jeder Art von Stress beschützen und abschirmen möchten. Das ist der Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit.« Seine Miene hellte sich auf.

»Das ist es! Das wird das Thema meiner Sonntagspredigt! Ich werde gleich mit dem Kirchenvorstand darüber reden!«

»Tut mir Leid, wenn ich nicht da sein kann, um mir die Predigt anzuhören«, sagte Juliet.

»Ich gehe nicht mehr so oft zur Kirche, außer an Weihnachten und Ostern.« Sie nahm einen Schluck von ihrem Wein.

»Meine Güte, der ist aber stark! Wer hat ihn gemacht?«

»Mrs. Harmer, meine Haushälterin, um die Wahrheit zu sagen. Behalten Sie es für sich. Es macht sie sehr verlegen. Ihr Vater war früher ein führender Kopf bei der Abstinenzbewegung in unserer Gemeinde.«

»Geheime Laster, wie?«, grinste Juliet, doch dann wurde sie wieder ernst.

»Es gibt Neuigkeiten, James«, sagte sie.

»Ich habe bereits davon gehört«, sagte Holland.

»Zwei Superdetektive aus London sollen den Fall übernehmen.«

»Sie sind bereits da, und ich habe sie gesehen. Ich weiß nicht, wie gut sie sind, aber einer von ihnen sieht aus wie ein wohlhabender Bankräuber und der andere wie ein Taschendieb aus einem der Romane von Dickens.« Sie redete mit derartiger Vehemenz, dass sich die Vermutung aufdrängte, sie hätte bereits persönlichen Kontakt mit den fraglichen Gentlemen gehabt.

»Hat man Sie ausgequetscht?«, fragte er kichernd.

»Ich wünsche den beiden viel Glück!« Er hob sein Glas auf die abwesenden Hauptstadtpolizisten.

»Ich darf Ihnen eigentlich gar nichts darüber erzählen«, sagte Juliet.

»Wenn ich es trotzdem tue, werden Sie es für sich behalten?«

»Wenn Sie mir nichts darüber erzählen dürfen, dann sollten Sie es vielleicht auch nicht tun …«

»Ich will aber. Ich will es mir von der Seele reden.«

»Ah«, sagte der Vikar.

»Dann betrachten Sie Ihr Problem als sicher unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses.«

»Meinetwegen. Außerdem ist es nur ein vorübergehendes Verbot. Wissen Sie, dass Jan Oakley mit Arsen vergiftet wurde?« Holland nickte, und Juliet fuhr fort:

»Inzwischen wissen wir auch, wo es herkam. Ron Gladstone hat eine alte Flasche Rattengift in einem versperrten Pflanzschuppen gefunden. Er wollte es entsorgen, aber dann hat er es vergessen, und als es ihm wieder einfiel und er es holen wollte, war es verschwunden. Meredith und ich sind mit ihm zum Regionalen Hauptquartier der Polizei gefahren, um es zu melden, und wir rannten Minchin und Hayes direkt in die Arme. Das sind die beiden Beamten aus London. Der arme Ron war in einem schrecklichen Zustand …«, ihr Tonfall wurde indigniert,»… und dieser Minchin war nicht die geringste Hilfe, um ihn zu beruhigen!« Sie verstummte. Pater Holland trank seinen Stachelbeerwein aus, schenkte sein Glas wieder voll und füllte das von Juliet auf.

»Dieser Schuppen war versperrt, sagen Sie?«

»Er war versperrt, bevor Ron das Arsen entdeckt hat. Hinterher ließ er ihn offen. Es war sehr dumm von ihm, und er weiß es. Die Frage ist nur – wer hat es genommen?«

»Jeder hätte es nehmen können«, sagte James Holland langsam.

»Wer wusste, dass es dort war? Das ist die eigentliche Frage.«

»Soweit wir wissen – nur Ron. Aber Ron hat es nicht weggenommen. Ron hat es auch nicht benutzt, um Jan zu vergiften. Hätte er es getan, würde er bestimmt nichts gesagt haben, oder?« Juliet wurde lebhaft.

»Verstehen Sie, was das bewirkt? Wir verdächtigen uns alle gegenseitig! Wir alle suchen nach Alibis! Schlimmer noch, wir alle haben ein schlechtes Gewissen, weil wir Jan Oakley nicht mochten. Haben Sie Jan kennen gelernt, James?«

»Pam hat mich gebeten, mit ihm zu reden. Zufällig bin ich ihm kurze Zeit später in der Stadt begegnet.« Der Vikar runzelte die Stirn.

»Er stand vor dem Schaufenster eines Immobilienmaklers und hat die Immobilienanzeigen studiert.« Juliet verzog das Gesicht.

»Ich kann mir lebhaft vorstellen, was er gemacht hat! Er wollte herausfinden, wie viel Fourways House wert ist! Ich glaube kein Wort von dem, was er zu Meredith gesagt hat!« Als sie sah, dass der Vikar fragend die Augenbrauen hob, erklärte sie:

»Meredith hat ihn zu sich zum Tee eingeladen. Es war meine Idee. Ich dachte, sie könnte ihn überreden, seine Ansprüche auf Fourways fallen zu lassen. Er sagte zu ihr, er hätte dies bereits getan. Aber ich glaube das nicht, nicht für eine Sekunde. Woher wussten Sie, dass es Jan Oakley war? Vor dem Immobilienmakler, meine ich?«

»Ah. Damaris hat ihn mir ganz außergewöhnlich gut beschrieben. Die meisten Leute sagen einem das Alter, die Größe, das Gewicht und vielleicht noch die Haarfarbe, wenn sie einem eine andere Person beschreiben. Damaris hingegen sagte, Jan hätte eine Aura. Ich dachte, sie würde übertreiben, aber es war ganz merkwürdig – als ich ihn sah, wusste ich sofort, was sie meinte. Ein sehr gut aussehender Bursche, wie ich gestehen muss.«

»Das sehe ich nicht so«, erwiderte Juliet entschieden.

»Oh? Tatsächlich? Nun ja, ich wusste jedenfalls sofort, wen ich vor mir hatte, und ging zu ihm, um mich vorzustellen. Er war einigermaßen verblüfft.«

»Das geht allen Leuten so, wenn sie Ihnen zum ersten Mal begegnen, James«, antwortete Juliet grinsend.

»Sie haben doch nicht Ihre Motorradmontur getragen, oder?«

»Leider nicht, nein. Ich trug so ungefähr das Gleiche am Leib wie jetzt.« Pater Holland deutete auf seine abgetragenen Kordhosen und den ausgeleierten Pullover.

»Jan war jedenfalls sehr gesprächig. Er erzählte mir, wie sehr er sich danach gesehnt hätte, nach England zu kommen und den Stammsitz der Familie zu sehen. Er konnte sich überhaupt nicht beruhigen, wie schön doch Bamford wäre. Ich mag Bamford«, sagte der Vikar,»aber so schön ist es nun wirklich nicht. Ich schätze, er wollte höflich sein. Er wirkte harmlos – andererseits habe ich im Verlauf der Jahre eine ganze Reihe harmlos aussehender Typen kennen gelernt, die sich hinterher als Halunken herausgestellt haben. Ich hoffte jedenfalls nach unserem Gespräch, dass er den Wink verstehen und die Gastfreundschaft der beiden alten Ladys nicht unnötig länger strapazieren würde. Er sagte, es täte ihm sehr Leid zu sehen, wie sie zu leben gezwungen wären, aber er machte sich auch Gedanken über das ›arme alte Haus‹. Im Nachhinein muss ich gestehen, dass er sich mehr um das Haus zu sorgen schien als um Damaris und Florence.«

»Verstehen Sie, was ich meine?«, sagte Juliet düster, während sie mit den Locken ihrer langen Haare spielte.

»Er kam nach England, um Geld zu machen, entweder auf die eine oder auf die andere Weise. Er hat die Idee nicht aufgegeben, ganz gleich, was er Meredith erzählt haben mag.« Sie seufzte.

»Ich wünschte, Pam hätte ihn in die Finger gekriegt! Pam hätte ihm die Leviten gelesen. Sie ist furchteinflößend, wenn sie in Fahrt gerät!«

»Ja«, sagte der Vikar.

»Das ist sie.« Juliet lehnte sich in dem abgewetzten Ledersessel zurück und schloss für einen Moment die Augen.

»Sie müssen sich Pam stellen, James, es ist die einzige Möglichkeit. Sie versucht immer wieder, uns miteinander zu verkuppeln, James. Ich sehe Sie als wertvollen und geschätzten Freund, aber ich sehe mich nicht als Ihre Ehefrau. Ich dachte, das sollten Sie wissen.« Er breitete bedauernd die Arme aus.

»Was soll ich sagen?«

»Sagen Sie nichts. Ich möchte nur, dass Sie Bescheid wissen.« Sie hörte auf, mit den Locken zu spielen, und neigte den Kopf zur Seite.

»Außerdem habe ich schon längst erraten, wer Ihnen das Herz gestohlen hat.« Pater Holland starrte sie verblüfft an, und was zwischen dem dichten Bart und dem dunklen Haarschopf von seinem Gesicht zu sehen war, lief dunkelrot an.

»Es ist Meredith, nicht wahr?«, fuhr Juliet gnadenlos fort.

»Sie sind seit Ewigkeiten in Meredith verliebt. Seit sie zum ersten Mal in dieser Gegend aufgetaucht ist. Keine Panik, James, ich werde es niemandem verraten. Es bleibt völlig unter uns. Genau wie das, was ich Ihnen anvertraut habe.«

»Danke sehr«, sagte er nach einem Augenblick.

»Aber wie sind Sie dahinter gekommen? Oder ist es derart offensichtlich? Wenn es nämlich so offensichtlich ist, werden andere Leute es ebenfalls bemerkt haben, und das würde mir nicht gefallen.«

»Armer James. Nein, ich habe es nur erraten, weil ich Sie so gut kenne. Außerdem habe ich mir gedacht, da Sie keinerlei romantisches Interesse an mir zeigen, müsste es jemand anders geben.« Er lächelte.

»Dann bleibe ich also weiterhin in der fürsorglichen Obhut von Mrs. Harmer.« Wie auf ein Stichwort hin kam ein leises Klappern aus der Küche, gefolgt von Schritten, und die ehrfurchtgebietende Haushälterin von Vikar James Holland erschien in der Tür zu seinem Arbeitszimmer.

»Ich bin nur gekommen, Pater, um zu sagen, dass das Mittagessen in einer Viertelstunde bereit ist. Bleibt Ihre junge Besucherin zum Essen? Ich schätze, der Hackfleischauflauf mit Kartoffelbrei reicht für zwei, aber beim Milchreispudding bin ich nicht sicher. Es ist der Rest von gestern, nur eine kleine Schale voll.«

»Ich muss sowieso gehen«, sagte Juliet.

»Trotzdem danke sehr, Mrs. Harmer.« Sie stellte ihr leeres Glas demonstrativ auf den Tisch. Mrs. Harmer errötete und zog sich zurück. Juliet verzog das Gesicht.

»Ich komme heute Abend vorbei und bekoche Sie, wenn Sie mögen. Ich serviere Ihnen etwas Besseres als Hackfleischauflauf und Puddingreste von gestern. Ich mache sehr gute Spaghetti Bolognese.«

»Das Angebot nehme ich mit dem größten Vergnügen an!«, sagte der Vikar nachdrücklich.

»Großartig. Ich bringe sämtliche Zutaten mit. Sagen wir gegen sieben?«

»Ich kümmere mich um den Wein.« Er wuchtete sich aus seinem Sessel.

»Ich weiß, dass Sie sich wegen der Oakleys sorgen, aber es wird alles wieder in Ordnung kommen, mit oder ohne die Hilfe dieser Londoner Polizisten. Lassen Sie sich nicht hinreißen, die beiden zu unterschätzen, versprochen? Das wäre ein großer Fehler.«

»Jede Wette, dass alles wieder in Ordnung kommt«, antwortete Juliet.

»Meredith und ich arbeiten nämlich an dem Fall.«

KAPITEL 22

»ICH VERSTEHE überhaupt nicht, warum Sie es für notwendig erachten, mich zu befragen, Inspector«, sagte Dudley Newman. Er war von seinem Sessel hinter dem Schreibtisch aufgestanden, doch er kam nicht nach vorn. Er bedeutete seinem Besucher, Platz zu nehmen, doch er bot Dave Pearce nicht die Hand an. Das kleine Büro war voll gestellt mit Aktenschränken und übersät mit losen Papieren. Verschiedene Schriftstücke, Kostenvoranschläge und dergleichen, waren an eine Pinnwand geheftet. Es sah unordentlich aus, doch das war es nicht. Das Büro sollte bei einem Besucher den Eindruck erwecken, dass Newman ein vielbeschäftigter, erfolgreicher Mann mit wenig Zeit war. Pearce hatte erst nach einigen Diskussionen mit einer Sekretärin Zutritt zum inneren Sanktum des Bauunternehmers erhalten. Auf ihre Behauptung hin, Mr. Newman sei beschäftigt, hatte er geantwortet, dass dies auch für ihn gelte. Auf den Vorschlag hin, sich einen Termin geben zu lassen, hatte er geantwortet, ob er daraus entnehmen solle, dass es einen Grund gäbe, warum Mr. Newman ihn nicht zu sprechen wünschte. Die Sekretärin war errötet und hatte gereizt reagiert, doch nach einigem Zögern hatte sie ihren Boss informiert und ihn schließlich in dessen Büro vorgelassen. Und nun saß Pearce dem Bauunternehmer persönlich gegenüber, einem großen, nach außen hin gelassenen und unbeteiligten und innerlich verärgerten Burschen. Wenn er überhaupt irgendwelche Emotionen durchscheinen ließ, dann Vorwurf. Er wollte Pearce spüren lassen, dass er, der Polizist, derjenige war, der sich unvernünftig verhielt. Pearce war zwar noch jung an Jahren, doch er war schon lange genug bei der Polizei, um sich nicht darum zu scheren. So unbequem es für Dudley Newman auch sein mochte, Fragen zu beantworten, Dave Pearce gab einen feuchten Kehricht darum.

»Wir sprechen mit jedem, dem Jan Oakley während der kurzen Zeit begegnet ist, die er vor seinem Tod in unserem Land war.« Pearce begegnete dem Blick des Bauunternehmers.

»Und Sie haben ihn getroffen, nicht wahr? Sie haben sich mit ihm unterhalten. In einem Pub, um die Mittagszeit. Wir haben einen Zeugen.«

»Ich wüsste zu gerne, wer das ist!«, schnappte Newman. Er stockte, vielleicht in der Hoffnung, Pearce würde ihm den Gefallen tun und einen Namen herausrücken. Pearce schwieg unerschütterlich. Schließlich ließ Newman die Schultern hängen und schlug die Handflächen auf die Tischplatte.

»Ja, ich habe mich kurz mit ihm unterhalten. Ich will ganz offen zu Ihnen sein, Inspector – es gibt keinen Grund, irgendetwas zu verschweigen. Ich …«, Newman betonte das Pronomen,»ich habe schließlich nichts zu verbergen.« Pearce wartete wortlos weiter ab. Manchmal erfuhr man mehr durch Abwarten als durch Fragen. Stell Newman eine Frage, und er beantwortet sie – und das ist alles. Lass ihn in seinem eigenen Saft schmoren, und vielleicht erzählt er dir eine ganze Menge mehr. Dennoch waren die nächsten Worte Newmans eine Überraschung für Dave.

»Sind Sie verheiratet, Inspector?«

»Ja …«, räumte Pearce ein.

»Ich schätze, Sie und Ihre Frau haben irgendwann Ihr erstes Haus gekauft …«

»Was hat das mit alledem zu tun?«, fragte Pearce irritiert. Newman ignorierte die aufkeimende Verärgerung seines Besuchers.

»Ich wage zu behaupten, dass Sie es als schwierig empfunden haben, ein geeignetes Objekt zu finden. Das ist so bei jungen, berufstätigen Paaren hier in der Gegend. Sie wollen Ihr Geld in etwas Solides investieren. Sie wollen etwas, das gut aussieht. Sie denken daran, in ein paar Jahren eine Familie zu gründen, und deswegen brauchen Sie Platz. Sie unterhalten wahrscheinlich zwei Autos und möchten eine Doppelgarage. Und über alledem möchten Sie sicher sein, dass Sie, wenn die Zeit gekommen ist, das Haus zu verkaufen und woanders hinzuziehen, schnell einen Käufer finden, der überdies bereit ist, den Preis zu zahlen, den Sie für Ihren Besitz verlangen. Stimmt’s?«

»Was soll das werden?«, fragte Pearce.

»Versuchen Sie etwa, mir ein Haus zu verkaufen?« Newman beugte sich über seinen Schreibtisch und hob einen Finger.

»Nein. Sie haben ein Haus. Ich denke daran, Häuser an Leute wie Sie zu verkaufen, die keines haben. Leute mit zwei Einkommen, die ein Haus mit Stil und Charakter suchen, das zugleich modern und günstig im Unterhalt ist. Sie brauchen keinen großen Garten. Sie haben gar keine Zeit dafür. Sie wollen irgendetwas Neues, weil neu bedeutet, dass Sie im Verlauf der nächsten Jahre nichts daran machen müssen. Das ist die Sorte von Haus, die ich auf dem Land bauen möchte, auf dem zurzeit Fourways steht. Ich bin nicht daran interessiert, kleine Objekte für Anfänger zu bauen. Ich baue für Menschen, die ein wenig mehr zahlen können, für etwas Besseres. Außerdem haben diese kleinen Objekte in letzter Zeit eine Menge schlechter Publicity gehabt, und eine Baugenehmigung zu erhalten ist auch nicht mehr so einfach wie früher einmal. Eine Baugenehmigung für wenige, qualitativ höher stehende Häuser hingegen, welche die Gegend aufwerten, statt das Gegenteil zu bewirken – das ist etwas ganz anderes.«

»Das alles hat nichts mit Jan Oakley zu tun«, sagte Pearce. Newman lehnte sich zurück und kicherte.

»Sie lassen sich nicht so einfach von der Fährte abbringen, wie?«

»Wollten Sie das?«, fragte Pearce. Newman schüttelte den Kopf.

»Nein, und rein zufällig reden wir über Oakley. Ich wollte Ihnen erklären, wieso ich der Meinung war, dass ich mit dem jungen Oakley reden sollte. Ich habe schon seit einiger Zeit ein Auge auf Fourways geworfen. Ich wusste, dass der Zeitpunkt näher rückte, an dem die beiden alten Ladys entweder sterben oder ausziehen würden. Wie auch immer, dieses große Anwesen mit seinem Land kommt irgendwann auf den Markt, also begann ich Pläne zu schmieden. Ich dachte – wir alle dachten dies, oder nicht? –, dass es keine anderen Familienangehörigen mehr gibt. Zu sagen, ich wäre überrascht gewesen, als ich erfuhr, dass von irgendwo aus dem Ausland ein Cousin aufgetaucht war, ist wohl kaum der passende Ausdruck. Ich war höllisch wütend. Er konnte meine ganzen Pläne zunichte machen. Ich habe schon so lange auf diese Gelegenheit gewartet, und ich hatte nicht vor, sie verstreichen zu lassen. Das will ich immer noch nicht. Ich wollte nicht auf Fourways House anrufen oder ihm schreiben. Ich wollte nicht, dass die beiden alten Frauen erfahren, was ich plane.« Newman bemerkte den Ausdruck auf dem Gesicht seines Besuchers.

»Nun ja«, sagte er rasch.

»Sie sollten sich nicht unnötig den Kopf zerbrechen, oder?«

»Erzählen Sie weiter«, sagte Pearce.

»Richtig. Ich fand heraus, dass dieser Oakley jeden Abend im The Feathers aß, doch das gefiel mir ebenfalls nicht. Es liegt zu nah bei Fourways, und Dolores Forbes könnte einer der Oakley-Schwestern von meinem Interesse an Jan erzählen. Wie ich Dolores kenne, hätte sie sicherlich jede sich bietende Gelegenheit genutzt, den beiden zu erzählen, wenn ich mich in ihrem Pub mit Jan Oakley getroffen hätte. Also bin ich eines Abends hingefahren und habe auf dem Parkplatz gewartet, bis er aufgetaucht ist. Dann stieg ich aus dem Wagen und rief ihn zu mir, sagte ihm, wer ich bin, und vereinbarte ein Treffen am nächsten Tag im The George. Das war am Donnerstagabend. Am nächsten Freitagmittag tauchte er wie verabredet auf, und ich lud ihn zum Essen ein.« Newman lächelte dünn.

»Ich hatte ihn direkt am Haken! Er gehörte zu der Sorte, die nie die Hand wegzieht. Ich zahlte das Bier und sein Essen, und er machte nicht einmal Anstalten, mich ebenfalls zu einem Bier einzuladen.«

»Warum sollte er auch?«, entgegnete Pearce.

»Schließlich haben Sie ihn eingeladen.«

»Zugegeben. Aber er war keiner, der die Spendierhosen anhat. Er war ein Bauernfänger, ein Trickbetrüger, darauf würde ich meinen letzten Penny verwetten. Ich erzählte ihm, dass ich an Fourways interessiert wäre, und fragte ihn, welches Interesse er hätte. Ich war sicher, dass er irgendeinen Plan im Ärmel hatte. Er besuchte die beiden alten Mädchen nicht allein aus familiärem Zusammengehörigkeitsgefühl. Er wollte Geld. Er erzählte mir, dass es ein Testament gäbe. Es wäre viele Jahre zuvor von seinem Urgroßvater verfasst worden, und er hätte ein Recht auf die Hälfte von Fourways. Er hatte vor, mit diesem Testament vor ein englisches Gericht zu gehen, sagte er. Falls er das wirklich gemacht hätte, würde es den Verkauf von Fourways aufgehalten haben. Wenn ich allerdings bereit wäre, sagte er, ihm eine angemessene Summe zu zahlen, würde er darauf verzichten. Das Testament zerreißen. Den Verkauf nicht behindern.« Pearce schnaubte abfällig. Newman nickte zustimmend.

»Zu wahr. Ich bin nicht von gestern. Wenn es tatsächlich ein Testament gegeben hätte und ihm darin tatsächlich die Hälfte von Fourways House vermacht worden wäre, hätte er bestimmt nicht versucht, mit mir ins Geschäft zu kommen. Oder falls es existierte, dann konnte ich nicht darauf vertrauen, dass er sich an eine mit mir getroffene Vereinbarung halten würde. Ich kam ziemlich schnell zu dem Schluss, dass entweder überhaupt kein Testament existierte oder aber jedes britische Gericht ihn hinausgeworfen hätte, und das sagte ich ihm dann auch ins Gesicht. Er widersprach nicht. Er sah ein, dass ich seinen Trick durchschaut hatte, also verschwendete er keine weitere Zeit mehr darauf. Er wechselte einfach den Tonfall und kam mit einer neuen Idee. Und diese überzeugte mich mehr als alles Vorherige, dass er ein Ganove war.« Dudley Newman betrachtete Pearce und lächelte.

»Vielleicht denken Sie, dass ich ein wenig berechnend bin. Vielleicht haben Sie damit Recht. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen Berechnung und Betrug. Oakley war ein Betrüger. Ich bin ein ehrlicher Mann. Ich lüge nicht. Ich betrüge niemanden. Ich kümmere mich einzig um meine eigenen Geschäfte, vor allem anderen, aber das ist nicht verboten.« Pearce lauschte alledem mit wachsendem Missfallen, obwohl er einräumen musste, dass der Mann nicht Unrecht hatte.

»Also schön«, sagte er schließlich.

»Was haben Sie am Ende mit ihm vereinbart?«

»Nichts. Er sagte, wenn es das wäre, was ich davon hielte, dann hätten wir nichts weiter zu besprechen. Er würde trotzdem seine Einsprüche gegen den Verkauf zurückziehen und die Angelegenheit nicht weiter verzögern. Er wäre sicher, seine Cousinen würden ihm aus freien Stücken einen fairen Anteil überlassen. Was er damit meinte war, dass er ihnen schon irgendwie einen Teil des Verkaufserlöses abluchsen würde.«

»Und Sie waren bereit, ihm das durchgehen zu lassen? Dass er die beiden alten Frauen dazu bringt, ihm Geld zu überlassen, das sie selbst so dringend nötig haben? Obwohl sein angeblicher Anspruch wahrscheinlich völlig aus der Luft gegriffen war? Obwohl Sie ihn bereits als Trickbetrüger eingeschätzt hatten?«, fragte Pearce mit scharfer Stimme. Er musste nicht so tun, als billigte er Newmans Verhaltensweise. Newman wusste, dass er es nicht tat. Er wusste es, doch es war ihm egal. Wie er bereits gesagt hatte, es war nicht illegal.

»Ich bin nicht dafür verantwortlich, was andere tun, Inspector«, sagte Newman beinahe freundlich.

»Es geht mich nichts an.« Er lehnte sich in seinem Sessel zurück, und das Möbel knarrte protestierend.

»Wie es der Zufall will, wurden sämtliche Bedenken ausgeräumt, die ich vielleicht hegte, als ich erfuhr, dass Juliet Painter die Oakley-Schwestern berät. Juliet hat einen messerscharfen Sinn fürs Geschäft. Sie achtet darauf, dass die Interessen der Schwestern gewahrt werden, dessen bin ich sicher.«

»Sehr bequem für Sie«, sagte Pearce.

»Sicher erlöst es Ihr Gewissen.« Newman hätte es als Beleidigung auffassen können, doch er tat es nicht.

»Würde ich auf das hören, was Sie so schön ›mein Gewissen‹ nennen, würde ich heute nicht hier sitzen und mein eigenes erfolgreiches Unternehmen führen. Es würde mir längst nicht so gut gehen, wie es der Fall ist. Wenn ein Mann ein empfindliches Gewissen hat, dann sollte er in die Dienste der Kirche eintreten oder Sozialarbeiter werden.« Sein Blick wurde boshaft.

»Oder vielleicht Polizist?« Pearce erhob sich.

»Danke für Ihre Zeit«, sagte er unvermittelt.

»War mir ein Vergnügen, Inspector. Ich bin stets bereit, der Polizei zu helfen, wenn es in meiner Macht steht.«

Als Pearce ins Hauptquartier zurückkam, ging er als Erstes zögernd zu dem Raum, in dem das provisorische Büro der beiden Londoner Beamten eingerichtet worden war. Er fand Superintendent Minchin vor, der alleine Akten studierte und mit einer klemmenden Schublade in seinem alten Schreibtisch kämpfte. Pearce fragte sich beunruhigt, wo Inspector Hayes stecken mochte.

Die Schublade kam mit einem Schwung los und krachte gegen Minchins Knie. Der Superintendent stieß einen Fluch aus und rieb sich die getroffene Stelle. Er gab sein Vorhaben auf und wandte sich Pearce zu.

»Hallo, Dave. Wollen Sie mir Bericht erstatten?« Trotz der Schmerzen, unter denen er zweifelsohne litt, und trotz seiner offensichtlichen Unzufriedenheit mit dem zugewiesenen Büro war sein Tonfall entspannt und jovial.

Pearce ließ sich nicht von der falschen Kameraderie täuschen. Er lehnte derartige Umgangsformen ab – er gehörte schließlich nicht zu Minchins Männern. Er war Minchin mehr oder weniger gegen seinen Willen zugeteilt worden, und Minchin wusste dies ganz genau. Dass er Pearce beim Vornamen ansprach, ließ das Eis nicht schmelzen. Steif antwortete Pearce:

»Jawohl, Sir.«

Minchins breites Gesicht zeigte keinerlei Reaktion auf den abweisenden Ton.

»Dann schießen Sie mal los.« Er nickte in Richtung des freien Stuhls.

Pearce setzte sich.

»Ich habe mit einer Reihe von Leuten gesprochen. Einer von ihnen war Kenny Joss, der Taxiunternehmer, der die Oakley-Schwestern jeden Samstag zum Einkaufen und wieder nach Hause fährt. Sie finden ihn in der Akte. Der andere war ein einheimischer Bauunternehmer namens Newman.«

»Was?«, fragte Minchin scharf, und seine Bonhomie war wie weggewischt.

»Dudley Newman?«

»Jawohl, Sir.« Pearce hatte keine Ahnung, woher Minchin den Mann kannte.

»Joss hat ihn dabei beobachtet, wie er sich mit dem Ermordeten in einem Pub in der Stadt unterhalten hat, dem The George.«

»Herrgott im Himmel!«, brauste Minchin auf.

»Warum haben Sie nicht mit mir Rücksprache gehalten, bevor Sie losgegangen sind, um diesen Newman zu befragen?«

»Sie waren nicht da, Sir«, sagte Pearce errötend.

»Und ich hatte keine Ahnung, dass Sie die Ermittlungen aufhalten wollten.« Minchin funkelte ihn an.

»Niemand hält hier irgendwelche Ermittlungen auf, Inspector! Rein zufällig ist Hayes jetzt in diesem Augenblick unterwegs zu Newman, um ihn zu befragen. Das sind zwei Besuche von uns an einem Tag. Newman wird sich auf unsere Kosten amüsieren, und Mickey Hayes wird dastehen wie ein Trottel, wenn er auftaucht, nachdem Sie gerade verschwunden sind.« Pearce gab sich die größte Mühe, sein Vergnügen beim Gedanken daran zu verbergen, dass Hayes wie ein begossener Pudel vor dem Bauunternehmer stehen würde.

»Wie sind Sie auf Mr. Newman gestoßen, Sir?«, fragte er neugierig.

»Die Frau in dem Pub nahe Fourways House, diese Mrs. Forbes, hat beobachtet, wie Newman eines Abends auf dem Parkplatz mit Jan Oakley geredet hat«, erzählte Minchin kurz angebunden. Er war noch immer stinksauer.

»Oh, richtig, das passt genau zu dem, was Newman mir erzählt hat«, sagte Pearce selbstgefällig.

»Ich werde Ihnen einen schriftlichen Bericht geben. Im Prinzip ist es so, dass Newman das Land kaufen will, auf dem Fourways House steht, und er hat sich gesorgt, Jan Oakley könnte ihm dabei Steine in den Weg werfen. Er wollte ihn abklopfen. Er schätzte Oakley als einen Ganoven ein, aber insgesamt machte er sich keine Sorgen. Er war ein kleiner Schwindler, weiter nichts.«

»Ach, tatsächlich?«, grollte Minchin.

»Und was ist mit dem anderen Kerl, den Sie aufgesucht haben, diesem … Joss?«

»Oh, Kenny. Wir haben ihn schon früher befragt. Steht alles in der Akte. Er hat mir die gleiche Geschichte erzählt, nur …« Pearce zögerte und kratzte sich am Hinterkopf.

»Nun?«, fragte Minchin ungeduldig.

»Waren Sie zufrieden mit den Antworten dieses Joss oder nicht?«

»Eher nicht«, sagte Pearce ohne Zögern.

»Aber ich konnte nicht genau festmachen, was mir nicht gefiel. Vielleicht ist es auch nur Einbildung. Es kann sein, dass er einfach nicht gerne mit der Polizei redet. Mehrere Mitglieder seiner Familie haben bereits vor Gericht gestanden.« Minchins Interesse erwachte.

»Beispielsweise wegen was?«

»Oh, Trunkenheit, Ruhestörung, Hehlerei, Wilderei und Straßenhandel ohne Lizenz. Alles Kleinkriminalität. Kenny ist allerdings sauber. Er hat keine Vorstrafen und keine Akte bei uns.«

»Dann müsste er sich wohl keine Sorgen machen. Aber er war besorgt, sagen Sie? Was macht Sie so sicher?«

»Der Hund«, antwortete Pearce und erklärte, was er meinte. Minchin lauschte, ohne Pearce aus den Augen zu lassen. Er rieb sich das Kinn. Als Pearce geendet hatte, glaubte er zu bemerken, dass Minchins Gesichtsausdruck leicht verändert und sein Verhalten ebenfalls freundlicher war.

»Das ist gut«, sagte er leise. Es kam unerwartet, und Pearce fühlte sich absurderweise geschmeichelt.

»Ich denke, Mickey Hayes wird diesem Kenny Joss ebenfalls noch einen Besuch abstatten«, sagte Minchin.

»Er kennt Sie. Er weiß, wie er mit Ihnen umzugehen hat – das soll keine Kritik sein. Aber er weiß sehr wohl, was er von Ihnen zu erwarten hat, richtig?«

»Vermutlich, ja«, räumte Pearce ein.

»Aber er weiß nicht …«, Minchins Gesicht verzog sich zu einem bösen Grinsen,»… er weiß nicht, was er von Mickey Hayes zu halten hat.« Nach einem Augenblick des Schweigens fügte er hinzu:

»Andererseits weiß niemand von Ihnen allen, was er von uns zu halten hat, richtig?«

»Nein, Sir«, antwortete Pearce. Minchin starrte ihn einige Sekunden lang schweigend an. Dann sagte er brüsk:

»Nun, ich denke, Sie werden jetzt zu Mr. Markby gehen und ihn über die jüngsten Entwicklungen in Kenntnis setzen wollen.« Zu seiner Bestürzung stellte Pearce fest, dass er schon wieder errötete.

»Keine Angst«, sagte Minchin offen.

»Wenn ich an Markbys Stelle wäre, würde ich genauso handeln und sicherstellen, dass ich über alles auf dem Laufenden bin, was geschieht. Ich habe nichts dagegen, wenn Sie ihm berichten, solange Sie ihm nicht irgendwelche Dinge erzählen, die Sie mir verschwiegen haben. In Ordnung?«

»Jawohl, Sir.« Pearce war bereits auf dem Weg zur Tür, als Minchin erneut sprach.

»Wissen Sie, warum wir hier sind?«

»Ja«, sagte Pearce unwillig und wandte sich wieder um.

»Weil Mr. Markby persönlich betroffen ist.«

»Nicht nur Mr. Markby, Inspector. Sie alle sind viel zu sehr betroffen. Selbst Ihr Giftexperte und seine Familie, dann Mr. Markbys Freundin … die ganze Geschichte grenzt an Inzest. Sehen Sie mich nicht so verdammt schockiert an, Dave! Sie wissen, was ich meine. Und Sie sollten wissen, dass so etwas gefährlich ist, weil Sie nur sehen, was Sie sehen wollen. Sie sehen zwei ehrbare alte Damen, vornehm, wenngleich verarmt, die letzten Angehörigen einer alteingesessenen Familie, richtig? Ladys, eh? Nicht einfach Frauen, Ladys. Sie respektieren sie. Sie tun Ihnen Leid. Sie behandeln sie mit Samthandschuhen. Bevor Sie etwas sagen, nein, weder Mickey Hayes noch ich haben vor, sie unnötig zu beunruhigen. Aber wir sind auch frei von jeglicher Voreingenommenheit, richtig? Für uns sind sie nichts weiter als zwei Zeuginnen, und vielleicht sogar zwei Verdächtige.«

»Ich denke nicht …«, begehrte Pearce auf und verstummte wieder. Vorsichtiger sagte er:

»Ich halte es für unwahrscheinlich.«

»Unwahrscheinliche Dinge passieren die ganze Zeit über, Dave. Wie lange sind Sie schon bei der Polizei?« Treffer, dachte Pearce.

»Wir sind jedenfalls keine Hinterwäldler«, sagte er.

»Wir sind keine Bande von Dorftrotteln.«

»Das habe ich auch nicht sagen wollen, Dave. Ich sehe sehr wohl, dass Sie ein heller Bursche sind. Falls Sie jemals Interesse an einer Versetzung nach London haben, lassen Sie es mich wissen.«

»Du überlegst doch nicht, ob du es machen sollst?«, fragte Tessa, Pearces noch immer relativ jung verheiratete Ehefrau bestürzt.

»Was denn, mich um eine Stelle bei der Londoner Polizei bewerben? Höchst unwahrscheinlich. Trotzdem, du hättest sein Gesicht sehen sollen, als er erfuhr, dass ich schneller auf Newman gestoßen bin als die beiden!«, sagte Pearce zufrieden.

»Sei nur vorsichtig, Dave. Ich meine, hüte dich vor Newman. Er ist immer noch hier, wenn dieser Minchin längst wieder in London ist. Dudley Newman hat eine Menge Einfluss in Bamford.« Sie machte sich daran, ein dunkelrotes Ding zu schälen, das Pearce nicht identifizieren konnte, obwohl er mutmaßte, dass er es später essen würde.

»Ich untersuche einen Mordfall!«, sagte er.

»Sie mögen Mr. Markby von diesem Fall abgezogen haben, aber ich arbeite immer noch daran, und ich lasse mich nicht herumschieben! Was gibt es überhaupt zum Essen? Was ist das?«, er deutete auf das rote Gemüse.

»Ehrlich, Dave, du bist wahrscheinlich der einzige Mann im ganzen Land, der immer noch nicht weiß, wie eine Aubergine aussieht.«

»Ich bin kein Koch, oder?«, verteidigte er sich.

»Und mein

Dad hat so etwas nicht in seinem Garten gezogen.«

»Dein Dad wohnt auch nicht in einem hübschen warmen Land im Süden. Außerdem hat er immer nur Karotten angebaut. Ein Wunder, dass nicht deine ganze Familie eine orange Hautfarbe bekommen hat. Das passiert nämlich, weißt du, wenn man zu viel davon isst. Ich habe es in einer Zeitschrift gelesen. Ich mache eine Moussaka. Wir haben eine gegessen, als wir das letzte Mal in einem griechischen Restaurant waren, und du hast gesagt, dass du sie magst.«

»Mochte ich auch. Ich wusste nur nicht, was es ist.«

»Nun, jetzt weißt du es.« Tessa gab die Auberginenstreifen in ein Sieb und streute Salz darüber. Dann deckte sie das Gemüse mit einem Teller ab, den sie mit einer Konservendose beschwerte. Pearce beobachtete sie dabei, öffnete den Mund, um etwas zu sagen, überlegte sich’s anders und schloss ihn wieder.

»Wie sind sie denn so?«, fragte Tessa.

»Die beiden Männer aus London?«

»Scharfsinnig. Minchin sieht aus wie ein Schläger, Hayes wie ein Wiesel.« Er berichtete ihr von den Spitznamen, die das ungleiche Paar in der Kantine erhalten hatte. Tessa kicherte.

»Hast du Mr. Markby davon erzählt?«

»Nein. Mache ich vielleicht noch, wenn die Dinge wirklich schlecht laufen. Ich spare es mir sozusagen auf.«

»Es ist immer noch meine Show, und ich bin immer noch der Chef im Regionalen Hauptquartier, auch wenn ich bei diesem Fall an die Seitenlinie beordert wurde«, sagte Alan Markby missmutig.

»Lass dich nicht davon runterziehen«, empfahl ihm Meredith. Sie unterdrückte einen Seufzer. Ihr fiel nichts Tröstendes mehr ein, das sie nicht schon gesagt hätte. Alan war in diese Stimmung gefallen, und er wollte sich nicht daraus befreien lassen. Obwohl sie wusste, dass es sinnlos war, wiederholte sie:

»Du darfst es dir nicht so sehr zu Herzen nehmen. Es hat nichts mit deinen Leistungen oder deiner Person zu tun. Es sind allein die äußeren Umstände, mehr nicht.«

Eine hübsche Aneinanderreihung von Plattitüden, dachte sie, während sie ihren eigenen Worten lauschte. Nicht überraschend, dass sie nicht den gewünschten Effekt erzielten. Allmählich begann sie zu vermuten, dass nichts imstande war, dies zu bewirken. Markby hatte sich eingegraben in die Rolle eines Mannes, dem Unrecht geschehen war. Sie empfand echtes Mitgefühl für ihn, doch auf der anderen Seite sah sie nicht ein, warum ausgerechnet sie von allen Beteiligten das meiste von seiner Verstimmung abkriegen sollte. Das, sagte sie sich, gehört offensichtlich dazu, wenn man sein Leben mit jemandem teilt und unter einem Dach wohnt. Hätte ich jetzt noch mein eigenes Haus, hätte ich fahren können und wiederkommen, wenn er sich besser fühlt.

»Hör zu«, sagte sie mit mehr Nachdruck.

»Es hat keinen Sinn, wenn du dir davon die Laune verderben lässt!« (Und mir meine verdirbst!)

»Du kannst nichts dagegen tun, und dir bleibt nichts anderes übrig, als dich zu arrangieren. Es ist doch nicht das Ende der Welt, Herrgott noch mal!«

Er beugte sich vor, das Kinn nach vorn gereckt, und in seinen Augen blitzte es vor Empörung.

»Es ist eine Beleidigung meiner Beamten! Ratschläge von der Metropolitan Police sind das Letzte, was wir brauchen! Du hast Minchin und Hayes gesehen. Sie sind wie Fische auf dem Trocknen! Aber ich habe ihnen Dave Pearce zugeteilt, damit er die Dinge im Auge behält und mir Bericht erstattet, falls sich etwas Neues ergibt. Wenn Minchin glaubt, er kann hier in Bamford eine Operation aufziehen, wie er es in London gewöhnt ist, hat er ein Problem. Wir lösen unsere Fälle hier nicht dadurch, dass wir uns in zwielichtigen Kneipen rumtreiben und mit zweifelhaften Kunden reden.« Markby ignorierte die Tatsache, dass Minchins Besuch im The Feathers mehr zu Tage gefördert hatte als der von Pearce kurze Zeit zuvor. Er beendete seine unfaire und subjektive Einschätzung der Methoden der Metropolitan Police mit

»Und morgen will er hier vorbeikommen und mit dir reden«.

»Was denn, er kommt hierher?«, fragte Meredith erschrocken.

»Ich habe dich gewarnt, dass er auch mit dir wird reden wollen«, sagte Markby. Bildete sie sich das nur ein, oder klangen seine Worte selbstgefällig?

»Entweder kommt er hierher, oder du kannst zu ihm fahren und dich mit ihm in unserem Verhörraum unterhalten.«

»Also hast du vorgeschlagen, dass er hierher kommt?«

»Nein, habe ich nicht. Es war sein eigener Vorschlag. Ich schätze, es ist dir lieber so – oder nicht?«

»Ich weiß nicht«, sagte Meredith.

»Ich habe Jan hierher eingeladen, um mit ihm zu reden, und schau, was passiert ist.«

»Dann servierst du Minchin eben keinen von deinen Schokoladenkuchen. Schon gut!«, Markby hob abwehrend die Hände.

»Das war ein Scherz!«

»Ich bin froh, dass du deinen Sinn für Humor noch nicht ganz verloren hast!«, gab sie zurück.

Punkt halb elf am nächsten Morgen läutete es an der Tür. Meredith öffnete. Auf der Schwelle stand eine mächtige Gestalt in einem hellgrauen Anzug mit einem limettengrünen Hemd darunter und einer gelben Paisley-Krawatte.

»Doug Minchin«, stellte er sich vor.

»Sie erinnern sich an mich?« Sein Ton war liebenswürdig, doch seine kleinen, hellen Augen blickten kalt wie immer.

»Selbstverständlich erinnere ich mich«, erwiderte Meredith.

»Wie könnte ich Sie vergessen? Kommen Sie herein.« Sie spähte an ihm vorbei.

»Kein Inspector Hayes?«

Minchin manövrierte seine massige Gestalt in den Flur.

»Er überprüft ein paar andere Spuren.« Während er sprach, blickte er sich unverhohlen um.

Jan hatte das Gleiche getan, doch irgendwie störte es Meredith diesmal mehr. Alan machte sich keine großen Gedanken um das Aussehen seines Heims. Für ihn war es stets nichts weiter als ein Ort gewesen, an dem er seine Sachen aufbewahrte und schlief. Seit Meredith eingezogen war, hatte sie einige Verbesserungen durchgesetzt, doch im Großen und Ganzen sah das Haus immer noch aus, als wäre es von der Heilsarmee möbliert worden. Jans Meinung war ihr egal gewesen, doch das galt nicht für die von Superintendent Minchin. Schlimm genug, dass Alan sich von dem Mann aus London verdrängt fühlte, ohne dass Minchin hinging und jedermann in London erzählte, dass sie und Markby in einem heruntergekommenen Haus mit heruntergekommenen Möbeln lebten und es ihnen egal zu sein schien.

»Fühlen Sie sich in meinem Cottage wohl?«, fragte Meredith schroff.

»Es ist sehr hübsch«, antwortete Minchin. Er setzte sich unaufgefordert in den stabiler aussehenden der beiden nicht zusammenpassenden Sessel.

»Wir haben vor, beide Häuser zu verkaufen, meins und dieses hier, und uns ein gemeinsames größeres zuzulegen«, sagte Meredith defensiv.

»Wie sind die Grundstückspreise hier?«, fragte Minchin unerwartet.

»Hier in Bamford? Relativ hoch. Das heißt, zumindest in den besseren Gegenden.«

»Was für einen Preis würde ein Besitz wie Fourways House erzielen, wo der Mord stattgefunden hat?« Meredith betrachtete Minchin mit wachsendem Respekt. Der Mann verschwendete wirklich keine Zeit mit müßiger Konversation.

»Fourways ist in einem grauenhaften Zustand und wird wohl kaum einen Käufer interessieren.« Sie zögerte.

»Allerdings gibt es einen Bauunternehmer aus der Gegend, der das Land erwerben möchte. Er will Häuser darauf bauen.« Minchin lehnte sich zurück und schürzte die dünnen Lippen.

»Ja«, sagte er einfach.

»Ich habe von ihm gehört.« Er blickte sich um.

»Ist das hier das Zimmer, in dem Sie Ihre Teeparty mit Jan Oakley hatten?«

»Ja«, antwortete Meredith.

»Obwohl man es wohl kaum so nennen kann. Es war nicht meine Idee. Ich habe ihn lediglich eingeladen, weil ich darum gebeten wurde. Ich wollte jemand anders helfen.«

»Wessen Idee war es?« Minchins wacher Blick ruhte auf ihr.

»Es war Juliet Painters Idee«, gestand Meredith unbehaglich.

»Sie dachte, ich wäre imstande, Jan Oakley zu beeinflussen. Weil ich beim Foreign Office arbeite und so weiter«, fügte Meredith hastig hinzu.

»Aus keinem anderen Grund.«

»Tatsächlich?«, fragte Minchin herabwürdigend.

»Und? Konnten Sie ihn beeinflussen?«

»Nicht die Bohne«, antwortete Meredith, ohne auf den Sarkasmus in Minchins Stimme einzugehen.

»Ich versuchte ihm klar zu machen, dass seine Cousinen arm sind und es nicht fair wäre, wenn er versuchte, Geld aus ihnen zu pressen. Er antwortete, dass er nicht die geringste Absicht hätte, so etwas zu tun. Er hat es nicht wortwörtlich so gesagt, aber dem Sinn nach.«

»Ich habe es in der Akte gelesen«, sagte Minchin.

»Ich war bis heute Morgen um ein Uhr auf den Beinen und habe sämtliche Protokolle und Aussagen durchgearbeitet. Wie es scheint, war dieser Jan Oakley sehr begierig darauf, einen Anteil vom Verkauf des Hauses zu erhalten. Er war sogar bereit, deswegen vor Gericht zu ziehen. Irgendeine Geschichte von einem Testament.«

»Niemand von uns hat dieses Testament gesehen«, erwiderte Meredith.

»Das heißt, nicht das Original, das Jan nach seinen eigenen Worten unter den Papieren der Familie gefunden hat. Einigen Leuten hat er eine beurkundete Übersetzung gezeigt, wiederum nach seinen eigenen Worten, heißt das. Ich habe nicht einmal diese Übersetzung zu Gesicht bekommen.«

»Wahrscheinlich existiert das angebliche Original in Wirklichkeit gar nicht«, sagte Minchin lässig.

»Die Sache ist also die – er kam hierher zu Ihnen und erzählte Ihnen, er hätte seine Meinung geändert. Haben Sie ihm geglaubt?«

»Nein«, sagte Meredith offen.

»Aber nachdem er mir dies mitgeteilt hatte, blieb mir nichts mehr zu sagen. Wie ich bereits sagte, ich konnte ihn nicht beeinflussen. Er hat mich ausgetrickst.« Minchin rieb sich mit dem Daumennagel das Kinn.

»Mochten Sie ihn?«

»Nein!«, sagte Meredith mit Nachdruck.

»Niemand mochte ihn. Er war ein Fiesling.« Minchin starrte sie an.

»Hat er Ihnen vielleicht die Hand auf den Oberschenkel gelegt?«, fragte er. Sie wusste, dass ihr Gesicht sie verriet, deswegen gestand sie:

»Er hat sich falsche Hoffnungen gemacht, und ich musste ihm sagen, dass er gehen soll. Er ging. Das ist alles.« Falls Minchin es wagen sollte, eine auch nur halbwegs anzügliche Bemerkung deswegen zu machen … doch das tat er nicht.

»Dieser Jan hat sich wirklich nicht viele Freunde gemacht, wie? Ich wette ein Pfund gegen einen Penny, dass er drüben in Polen genau der gleiche Außenseiter war wie hier. Typen wie er sind unberechenbar.« Minchins Tonfall war gedankenverloren.

»Sie haben in der Regel irgendwelche Hobbys, und damit meine ich nicht Briefmarkensammeln. Sie sehen sich oft als von der ganzen Welt verkannt, also ist die Welt im Unrecht. Manchmal kommen sie auf die Idee, alles ganz allein zum Besseren zu wenden. Fast alle von ihnen glauben fest daran, dass sie etwas Besseres verdient haben. Manchmal leiden sie unter der Vorstellung, dass dieses ›Bessere‹ irgendwo dort draußen auf sie wartet, fast in Reichweite, und eine Verschwörung anderer Leute hindert sie daran, es zu bekommen. Verstehen Sie, worauf ich hinauswill?«

»Ja«, sagte Meredith.

»Wir haben heute Morgen ein Fax von der polnischen Botschaft erhalten. Die Polizei in Polen besitzt keine Akte über ihn. Wie es scheint, hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen. Er hat auf irgendeinem Gestüt gearbeitet, als Stallbursche oder so.«

»Stallbursche? Mir hat er erzählt, er sei Tierarzt.«

»Was haben Sie denn erwartet?«, entgegnete Minchin.

»Alan hat das Gleiche gesagt«, sinnierte Meredith.

»Er dachte, dass Jan gelogen hätte, was seine Arbeit angeht, allerdings nur, um mich zu beeindrucken – dieser Idiot!« Sie schob sich eine Locke brauner Haare hinter das Ohr.

»Aber es passt zu dem, was Sie gesagt haben. Sie glauben, dass Jan sich unterbewertet fühlte. Er dachte, er hätte etwas Besseres verdient, als Pferdemist zu schaufeln. Als er herausfand, dass es einen englischen Zweig seiner Familie gibt, hielt er seine Chance für gekommen.«

»Vielleicht war sie das auch. Vielleicht war seine Chance gekommen«, sagte Minchin.

»Gelegenheiten muss man beim Schopf packen, bevor sie verstreichen. Jan war jedenfalls dazu entschlossen.« Meredith wusste nicht genau, was sie darauf antworten sollte. Sie gewann den Eindruck, dass Minchin bereits irgendeine Theorie entwickelt hatte, und fragte sich, ob er im Begriff stand, sie einzuweihen. Doch würde Minchin sie tatsächlich ins Vertrauen ziehen? Oder versuchte er vielmehr, indem er tat als ob, Vertrauliches aus ihr zu locken? Wohl eher Letzteres. Er war ein geschickter Fragesteller und hatte sie genau dorthin geführt, wo er sie haben wollte. So leicht mache ich es dir nicht, Superintendent Minchin!

»Wir wissen nicht, was Jan dachte, und wir werden es vielleicht niemals herausfinden«, sagte sie mit fester Stimme. Vermutlich hatte Minchin bemerkt, dass sie seine Taktik durchschaut hatte und ihm zuvorgekommen war. Für einen Moment schwieg er, dann lehnte er sich zurück und verschränkte die dicken Finger.

»Sie mögen nicht, dass Mickey Hayes und ich hergekommen sind.« Er hatte sie auf dem falschen Fuß erwischt. Sie spürte, wie ihr Gesicht brannte.

»Alan hätte diesen Fall sehr gut alleine lösen können.«

»Selbstverständlich hätte er das. Aber kein Beamter, ganz gleich, wie zuverlässig oder hochrangig, sollte jemals in eine Position geraten, wo persönliche Interessen in einen Konflikt kommen – nicht, wenn es sich vermeiden lässt. Es gab eine Zeit, wissen Sie, als Polizisten grundsätzlich aus ihrer Heimat wegversetzt wurden, nur um so etwas zu verhindern.« In diesem Augenblick läutete es ausdauernd an der Tür. Meredith sprang auf.

»Bitte entschuldigen Sie mich für einen Moment«, sagte sie. Sie eilte aus dem Zimmer, froh über die Atempause. Sie öffnete und starrte ihre Besucherin überrascht an. Mit Juliet Painter hatte sie nicht gerechnet.

»Meredith!«, rief Juliet und drängte sich uneingeladen an ihr vorbei in den Flur.

»Ich habe schon auf Fourways angerufen, um mich zu erkundigen, wie es Florence und Damaris heute Morgen geht, und was glauben Sie, was ich hören musste? Dieser grauenvolle Minchin und sein unsäglicher Hayes waren bereits da. Sie sind über das Grundstück geschlichen und haben die Außengebäude in Augenschein genommen …«

»Mr. Minchin ist zurzeit hier bei mir«, unterbrach Meredith sie laut. Sie deutete in Richtung des Wohnzimmers. Die beiden Frauen starrten sich an.

»Verdammt!«, sagte Juliet. Beide wussten, dass Minchin Juliets Worte unmöglich überhört haben konnte. Juliet packte den Stier bei den Hörnern. Sie marschierte hoch aufgerichtet ins Wohnzimmer, mit schwingendem Zopf und funkelnden Augen hinter ihrer Brille.

»Guten Morgen, Miss Painter«, sagte Minchin mit versteinertem Gesicht.

»Ich hatte vor, Sie heute irgendwann zu besuchen. Ihre Schwägerin ebenfalls.«

»Warum sind Sie im Garten von Fourways House herumgeschlichen, ohne die Besitzer zu informieren?«, herrschte Juliet ihn mit in die Hüften gestemmten Fäusten an und starrte wütend auf ihn herab.

»Sie hätten zuerst an der Tür läuten müssen! Sie haben Damaris Angst gemacht! Ron war nach Hause gegangen, und sie wusste nicht, wer sich im Stall herumtrieb!« Meredith war, als hätte sie ein amüsiertes Blitzen in Minchins Augen gesehen. Sie hoffte, dass es Juliet entgangen war. Als sie wieder zu Minchin blickte, war sie sicher, dass sie sich getäuscht haben musste. Minchin nahm sich selbst viel zu ernst. Er war wahrscheinlich einer jener wenigen altmodischen Chauvinisten, die es noch bei der Polizei gab. Er fand es bestimmt nicht amüsant, dass Juliet ihm eine Strafpredigt hielt.

»Ich denke, Miss Oakley hat es sehr gut verkraftet«, sagte er gelassen.

»Ich werde sie noch einmal besuchen müssen, sie und ihre Schwester.« Juliet nahm auf Merediths frei gewordenem Sessel Platz.

»Hören Sie!«, sagte sie zu Minchin, ohne auf Merediths Warnsignale zu achten.

»Sie sind sehr gebrechlich. Ich möchte nicht, dass man ihnen zusetzt. Sie hatten schon eine schwierige Zeit, noch bevor das alles passiert ist. Stellen Sie sich vor, Sie müssten das Haus verkaufen, in dem Sie aufgewachsen sind, und in eine Wohnung ziehen. Ich wünschte, ich könnte Ihnen das begreiflich machen, Mister!«, schloss sie wütend.

»Langsam, langsam«, erwiderte Minchin und hob eine Hand.

»Rein zufällig begreife ich sehr gut, Miss Painter. Ich hatte ganz genau das gleiche Problem mit meiner alten Mutter.«

»Oh?« Juliet war für einen Moment sprachlos.

»Nun ja, dann … dann sollten Sie ja wissen, dass man die beiden alten Damen rücksichtsvoll behandeln muss.«

»Überlassen Sie das nur mir«, sagte Minchin wenig liebenswürdig.

»Halten Sie sich lieber an Ihren Beruf als Immobilienmaklerin.«

»Ich bin keine Immobilienmaklerin!«, schäumte Juliet kampflustig.

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, ich bin Vermögensberaterin.«

»Fantasievoller Name für die gleiche Arbeit, wenn Sie mich fragen«, entgegnete Minchin ungerührt.

»Demnächst gibt es noch Universitätsabschlüsse dafür.«

»Rein zufällig habe ich einen Universitätsabschluss, und zwar in Jura!«, schnappte Juliet.

»Oha!«, entgegnete Minchin beißend.

»Dann muss ich wohl sehr genau auf das achten, was ich sage!« Er wuchtete sich aus dem Sessel.

»Ich lasse Sie beide fürs Erste alleine. Danke sehr, dass Sie mir Ihre Zeit geschenkt haben, Miss Mitchell.«

»Kann ich morgen wieder zur Arbeit fahren?«, fragte Meredith.

»Oder brauchen Sie mich noch?«

»Oh, ich weiß ja, wo ich Sie finden kann.« Minchin wandte sich an Juliet.

»Ich komme heute Nachmittag vorbei und spreche mit Ihnen und mit Mrs. Pamela Painter, ist das in Ordnung, Miss Painter? Wenn ich recht informiert bin, wohnen Sie im Haus Ihres Bruders? Ich würde mich auch gerne mit ihm unterhalten, schließlich ist er der Fachmann für Gift. Aber ich kann ihn auch auf der Arbeit besuchen.« Minchin blickte auf seine Armbanduhr.

»Ich könnte jetzt noch zu ihm fahren.«

»Er kann einen zur Raserei bringen«, erklärte Juliet, nachdem Minchin gegangen war. Sie seufzte und fügte ein wenig ruhiger hinzu:

»Ich habe mich nicht besonders schlau angestellt, wie?«

»Darüber sollten Sie sich nicht den Kopfzerbrechen«, erwiderte Meredith.

»Der arme Alan, die Vorstellung, diesen Kerl aufgezwungen zu bekommen! War er sehr unangenehm, solange Sie mit ihm allein waren?«

»Unangenehm? Nein, auch wenn es mir ein wenig an die Nerven gegangen ist. Sie müssen Ihre fünf Sinne beieinander haben, wenn er zu Ihnen und Pam nach Hause kommt, um mit Ihnen zu reden.«

»Es ist bestimmt schon schlimm genug, wenn man dasitzen und dieses Hemd anstarren muss«, sagte Juliet wenig freundlich.

»Die Farbe ist grauenvoll. Dieser Minchin muss farbenblind sein. Glauben Sie, dass er verheiratet ist? Hören Sie, wenn Sie jetzt nichts mehr vorhaben, könnten Sie dann nicht mit mir zu Damaris und Florence fahren? Sie brauchen Unterstützung.«

»Sie haben Inspector Hayes nur knapp verpasst«, sagte Damaris zu Meredith und Juliet.

»Wirklich zu schade. Ich kann nicht sagen, dass Florence und ich nicht erleichtert waren, als er wieder gegangen ist.«

»Hayes war hier?«, rief Meredith.

»Minchin hat kein Wort davon erwähnt, als er bei mir zu Hause war!« Sie runzelte die Stirn.

»Ich frage mich, warum Minchin zu mir gekommen ist und Hayes geschickt hat, um in der Zwischenzeit Sie zu befragen.«

»Hat er versucht, Sie unter Druck zu setzen?«, fragte Juliet indigniert.

»Falls ja, werde ich unverzüglich eine Dienstaufsichtsbeschwerde an die Polizei verfassen.«

»O nein, meine Liebe. Um fair zu sein, er war sogar ausgesprochen höflich«, sagte Damaris.

»Als ich sagte, dass wir erleichtert waren, als er ging, meinte ich, dass Mr. Minchin ganz richtig vorhergesagt hat, wir hätten noch nie mit jemandem wie Inspector Hayes zu tun gehabt. Ich schätze, es war sehr scharfsinnig von ihm, Hayes zu uns zu schicken, wirklich«, sinnierte Damaris.

»Ich glaube, er ist ein starker Raucher – seine Fingerspitzen sind ganz gelb, auch wenn er nicht gefragt hat, ob er hier bei uns rauchen darf.«

Es war kühl im Zimmer. Meredith warf einen Blick auf den kalten Gasofen. Damaris bemerkte es und fragte:

»Soll ich ihn anzünden?«

Meredith schüttelte den Kopf und versicherte ihr, dass es nicht nötig sei, nicht wegen ihr. Juliet saß zusammengesunken in ihrem Sessel, die Arme vor der Brust verschränkt, das Gesicht in Falten gelegt, in Gedanken versunken und sich der Kälte im Raum nicht bewusst. Schließlich richtete sie sich auf und fragte:

»Verzeihung? Ich habe die letzten Worte nicht mitbekommen.«

»Ich hatte Sie gefragt, meine Liebe, ob Ihnen vielleicht kalt ist. Meredith sagt, es wäre in Ordnung, aber ich könnte den Ofen anzünden. Florence und ich sind daran gewöhnt, wir merken es nicht. Ich meine, wir heizen nur wenig. Das Haus war schon immer kalt. Als wir Kinder waren, fror manchmal das Wasser in der Waschschüssel oben in der Kinderstube ein. Wir mussten es aufbrechen, bevor wir uns waschen konnten.« Dieses Bruchstück einer spartanischen Kindheit entging Juliet völlig. Unvermittelt setzte sie sich kerzengerade auf.

»Wir müssen diesen Minchin und diesen Hayes loswerden!«, sagte sie.

»Das geht nicht«, erwiderte Meredith.

»Ich würde die beiden genauso gerne loswerden wie Sie. Aber sie sind nun mal hier, und wir müssen auf der Hut vor ihnen sein.« Juliet beugte sich vor, und der lange Zopf hing über eine Schulter nach vorn. Sie schob ihre Brille auf dem Nasenrücken nach oben. Alle warteten auf ihre nächsten Worte.

»Sie sind so lange hier, bis der Fall geklärt ist«, sagte sie.

»Danach verschwinden sie wieder. Also lösen wir den Fall, und es heißt: Leben Sie wohl, Doug Minchin!«

»Sie haben eine Art, die Dinge zu vereinfachen!«, sagte Meredith perplex.

»Aber so einfach ist das nicht!«

»Wieso? Ich halte es für ganz einfach!« Juliets Aufmerksamkeit war nun ganz auf Meredith gerichtet.

»Kommen Sie schon, Meredith! Sie sind schließlich die Expertin in diesen Dingen!«

»Ja, ja, schon gut.« Jetzt blickten alle drei Frauen erwartungsvoll zu ihr. Meredith atmete tief durch.

»Wir wissen, woher das Arsen kam. Was wir herausfinden müssen: Wie kam Jan dazu, es zu schlucken?«

»Und wer hat es ihm untergeschoben?«, sagte Juliet.

»Wenn wir wissen, wie er dazu kam, es zu nehmen, dann wissen wir wahrscheinlich auch, wer es ihm gegeben hat.« Meredith blickte zu Damaris.

»Würde es Ihnen etwas ausmachen, noch einmal die Ereignisse des vergangenen Samstags durchzugehen?« Damaris sah ihre Schwester an.

»Wenn es Ihnen hilft, bin ich dazu bereit. Allerdings weiß ich nicht …«

»Es ist in Ordnung«, sagte Florence leise.

»Wenn es sein muss, dann muss es sein.«

»Nun«, begann Damaris.

»Am Morgen war Jan noch völlig gesund. Er war auch mittags noch gesund, und am Nachmittag ist er zu Ihnen gegangen, Meredith. Er wirkte sehr zufrieden mit sich selbst, als er zurückkam.«

»Tatsächlich?«, fragte Meredith verblüfft.

»Ich habe ihn hinausgeworfen. Er … äh, hat sich danebenbenommen.«

»Das zu hören überrascht mich nicht. Sich danebenzubenehmen war Jans besonderes Talent«, stellte Damaris schroff fest.

»Er hat im Arbeitszimmer den Schreibtisch meines Großvaters aufgebrochen und die Papiere durchwühlt, die wir dort aufbewahren. Ron Gladstone hat ihn dabei durchs Fenster hindurch beobachtet und es Alan erzählt. Soweit wir feststellen konnten, hat er unsere Testamente gelesen – nicht, dass wir sie je zu seinen Gunsten geändert hätten! Aber wie Jan nun einmal war, wahrscheinlich hat er sich eingebildet, dass er uns überreden könnte. Er war sehr … sehr von sich eingenommen.« Damaris dachte nach.

»Ich glaube wirklich, dass er in seiner eigenen Welt gelebt hat, wissen Sie? Diese Geschichte mit dem Testament und seinem Recht auf einen Anteil am Haus … Sie mögen ihn vielleicht aufgefordert haben zu gehen, Meredith, aber ich wage zu behaupten, dass er für sich diesen Besuch bei Ihnen als rauschenden Erfolg betrachtet hat. Ron Gladstone hat von Anfang an gesagt, dass Jan seiner Meinung nach geistig nicht stabil ist. ›Verrückt‹, das war Rons Wort. Ich frage mich allmählich, ob er damit nicht Recht hat.«

»Wenn es hilft«, sagte Meredith,»Superintendent Minchin denkt mehr oder weniger das Gleiche. Nun ja, jedenfalls ging es Jan tagsüber noch gut, und ich stimme Ihnen zu, er war gesund wie ein Fisch im Wasser, als er mich besucht hat. Ganz sicher jedenfalls war er nicht krank. Also müssen wir uns auf den späten Nachmittag konzentrieren und auf den Abend. Ich nehme an, Sie beide waren am Nachmittag einkaufen?«

»Ja. Wir fahren jeden Samstagnachmittag zum Einkaufen. Kenny Joss hat uns mit seinem Taxi in die Stadt gefahren. Jan ist hier geblieben …« Damaris stockte und runzelte die Stirn.

»Zuerst haben wir ihn gar nicht gesehen. Wir haben ihn überhaupt erst wieder gesehen, nachdem Kenny bereits gefahren war. Wir waren in der Küche, und Jan kam hinzu. Wir sagten ihm, dass wir unser Abendessen machen würden, und er ging ins Wohnzimmer, hierher, um die frühen Nachrichten im Fernsehen zu sehen.« Damaris deutete auf den Fernsehapparat in einer Ecke des Raums.

»Später ist er ausgegangen, in das Pub, um selbst etwas zu essen. Das war so verabredet. Florence und ich saßen hier im Wohnzimmer, bis er wieder zurückkam, dann gingen wir schlafen. Er blieb hier unten sitzen, als wir nach oben gingen.« Sie kamen zum schwierigen Teil. Meredith und Juliet konnten sehen, wie Damaris sich innerlich wappnete. Florence saß ganz still, die blassen Hände im Schoß verschränkt, den Blick niedergeschlagen.

»Ich weiß nicht genau, was mich geweckt hat. Es muss irgendein Geräusch gewesen sein, das Jan gemacht hat. Es gab ein Scheppern, irgendetwas war heruntergefallen. Ich ging nach unten und fand ihn in der Halle. Er war über den Telefontisch gestürzt. Ich begreife jetzt, dass er bereits im Sterben lag. Ich glaube, ich wusste es bereits an jenem Abend. Ich rief den Notarzt, aber ich wusste, dass es sinnlos war. Hauptsächlich jedoch machte ich mir Sorgen, dass Florence etwas hören und nach unten kommen könnte. Ich habe mir mehr Sorgen um meine Schwester gemacht als um Jan. Das klingt vielleicht nicht gerade nett, aber es ist die Wahrheit.«

»Ich frage mich«, sinnierte Meredith,»ob wir alles ganz genau durchgehen können.«

»Durchgehen?« Damaris blickte sie verwirrt an, dann begriff sie.

»Oh, Sie meinen eine Rekonstruktion … nun, dann müssen wir hinaus in die Halle.«

»Ich bleibe hier, wenn niemand etwas dagegen hat.« Florences Stimme war fast unhörbar leise.

»Ich war nicht dabei. Ich habe nichts gesehen oder gehört. Ich kann Ihnen nicht helfen.« Im Dämmerlicht der Halle blieb Damaris beim Telefontisch stehen und deutete auf den Boden.

»Dort hat er gelegen. Sein Kopf war hier, seine Füße ungefähr hier. Ich war bestimmt halb die Treppe hinunter, bevor ich ihn sehen konnte.«

»Seine Füße zeigten in Richtung der Küchentür?« Meredith blickte durch den langen, schmalen Raum in Richtung der Tür am Ende.

»Ja. Die Küchentür stand offen. Dort lag ein zerbrochenes Glas auf dem Boden und verschüttetes Wasser daneben. Er muss sich etwas zu trinken geholt haben, das ihm dann aus der Hand fiel.« Damaris zuckte die Schultern.

»Ich schätze, er wollte Hilfe rufen.« Meredith runzelte die Stirn.

»Was denn, er wollte selbst anrufen? Er hat nicht nach Ihnen gerufen?« Damaris schüttelte verdutzt den Kopf.

»Ich nehme an, er dachte, dass ich ihn nicht hören könnte und dass es schneller gehen würde, wenn er selbst einen Arzt alarmierte. Der Notarzt war ziemlich schnell da und brachte ihn weg. Anschließend ging ich wieder nach oben und erzählte Florence, dass Jan krank geworden war.«

»Was ist mit dem zerbrochenen Glas?«

»Oh, das. Ich hob es natürlich auf. Ich kann doch kein zerbrochenes Glas herumliegen lassen. Ich weiß nicht genau, wann ich es aufgehoben habe. Vielleicht während ich auf den Krankenwagen gewartet habe, oder erst danach, als ich in die Küche ging, um uns eine Tasse Tee zu kochen, gegen den Schock.«

»Wie viele Lichter brannten im Haus, als Sie nach unten kamen?«, fragte Juliet.

»Das Licht hier in der Halle, das Licht im Wohnzimmer und das Licht in der Küche«, antwortete Damaris prompt.

»Also war er in allen drei Räumen.« Meredith dachte nach.

»Er hat im Wohnzimmer ferngesehen. Dann ging er in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen …«

»Da war …«, sagte Damaris, dann verstummte sie wieder. Juliet berührte ihren Arm.

»Was denn? Was ist Ihnen noch eingefallen, Damaris?«

»Es ist nicht wichtig.« Damaris blickte ein wenig verlegen drein.

»Aber Sie haben Recht, ich hatte es ganz vergessen. Als ich zum Spülbecken gegangen bin, um den Wasserkessel zu füllen, für den Tee, lag ein Messer im Becken. Ich war überrascht, weil Florence und ich nach dem Abendessen das Geschirr abgewaschen hatten und wir normalerweise nichts übersehen.«

»Sind Sie sicher, dass dieses Messer noch vom Abendessen war?«, fragte Juliet.

»Oh, ich glaube nicht. An der Klinge waren Reste von Hefeaufstrich. Florence und ich hatten Toast zum Abendessen.«

»Wo ist dieser Hefeaufstrich?«, fragte Meredith schnell. Damaris seufzte und schüttelte den Kopf.

»Die Polizei hat ihn mitgenommen. Er muss in Ordnung gewesen sein, sonst hätten sie es uns sicher längst gesagt. Jedenfalls haben Florence und ich davon gegessen, und wir sind nicht krank geworden.« Sie blickte ängstlich von einem zum anderen.

»Meinen Sie, ich hätte es der Polizei sagen müssen? Es ist so ein unwichtiges Detail.«

»Könnte vorteilhaft sein, wenn Sie es beim nächsten Besuch von Minchin oder Hayes erwähnen«, sagte Meredith.

»Es ist immer besser, alles zu erzählen, nur um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen.«

»Nun ja, es hilft uns jedenfalls nicht weiter«, sagte Juliet grob.

»Wenn er das Arsen nicht hier auf Fourways House zu sich genommen hat und nicht im The Feathers und nicht bei Ihnen zu Hause, Meredith, wo um alles in der Welt hat er es dann genommen?«

»Wo – und wie?«, sagte Meredith nachdenklich. Unvermittelt begann Damaris leise zu singen.

»Ihre Namen sind Was und Warum und Wann und Wie und Wo und Weshalb …« Meredith spürte ein Kribbeln, das ihr über den Rücken lief. Es klang so unheimlich. Damaris blickte von einer Frau zur anderen, und als sie ihre verblüfften Gesichter bemerkte, errötete sie.

»Kipling«, erklärte sie verlegen.

»Der hilft uns auch nicht weiter«, murmelte Juliet.

KAPITEL 23

»DER VIKAR ist irgendwo hinter dem Haus«, sagte Mrs. Harmer.

»Er arbeitet an diesem komischen Apparat.« In dem Wissen, dass Minchin vorhatte, an diesem Morgen mit Meredith zu sprechen, war Markby zum Vikariat gegangen. James Holland war der einzige Mensch, überlegte Markby missmutig, während er auf den alten großen Klingelknopf drückte, mit dem er noch über die Oakleys sprechen durfte, ohne sich in Minchins Kompetenzen einzumischen. Der niedergepresste Klingelknopf brachte irgendwo in den Tiefen des Hauses ein Glockenwerk zum Läuten. Während Markby darauf wartete, dass jemand öffnete, studierte er die Fassade des alten Gebäudes. Das Vikariat war genau wie Fourways House in einer Zeit gebaut worden, als ein Gentleman und seine Familie für ihren eleganten Lebensstil jede Menge Wohnraum benötigt hatten und sich das erforderliche Hauspersonal zur Verwirklichung desselben hatten leisten können. Sowohl das Vikariat als auch Fourways House hatten bis in ein Zeitalter hinein überlebt, in dem sich das Leben dramatisch verändert hatte, Dienstpersonal so gut wie nicht mehr existierte und das Schlagwort einfache Instandhaltung und Pflege war. Heute gab es im Vikariat nur noch Mrs. Harmer, die vom Frühstück bis zum Tee das Zepter in der Hand hielt und im Haus herrschte, und das auch nur, weil Vikar James Holland Junggeselle war. Sie hielt den Teil des Hauses in Schuss, den James bewohnte: ein Wohnzimmer (das kleinste von mehreren), das zugleich als Esszimmer fungierte, die Küche, das Arbeitszimmer, das Schlafzimmer und das Bad. Markby wusste, dass es noch vier weitere Zimmer gab, doch sie waren verschlossen, standen leer und dienten höchstens Spinnen als Zuhause. In dem nicht mehr benutzten großen Salon stand mit Staubschutzlaken abgedecktes altes Mobiliar. James hatte es von seinem Vorgänger geerbt, der noch vor dem Ruhestand gestorben war. Zusätzlich gab es oben unter dem Dach noch einige weitere kleine Zimmerchen, in denen früher einmal die Dienstmägde geschlafen hatten. Was mit dem Vikariat geschehen sollte, war eine der Fragen, die bei den Versammlungen der Kirchengemeinde regelmäßig gestellt wurden. Eine Fraktion war dafür, es zu verkaufen und dem Pastor dafür ein kleines, modernes Haus zur Verfügung zu stellen. Die Opposition hielt dagegen, dass der Verkauf des Vikariats unwillkommene Veränderungen im Stadtzentrum nach sich ziehen würde. Es war vorgeschlagen worden, den unbenutzten Teil des Hauses in eine eigene Wohnung zu verwandeln, die man einer geeigneten Person, einem Kurator beispielsweise, vermieten konnte. Unglücklicherweise gab es keinen Kurator, und außerdem wären die Kosten für den Umbau viel zu hoch gewesen.

»Gut«, sagte Markby.

»Ich gehe nach hinten und suche ihn.«

»Er ist von oben bis unten mit Öl und anderem Zeug verschmiert!« Mrs. Harmers geschürzte Gestalt strotzte nur so vor rechtschaffenem Unwillen, und nicht alles davon richtete sich gegen den Vikar. Sie mochte es nicht, von der Arbeit weggerufen zu werden, um die Tür zu öffnen, nicht einmal dann, wenn ein hochrangiger Polizeibeamter geläutet hatte.

»Er kommt in meine Küche, um sich die Hände zu waschen, und macht die ganze Seife und das Handtuch schmutzig! Ich habe ihm schon wer weiß wie oft gesagt, dass das nicht richtig ist, dass ein Mann Gottes nicht auf so einer Teufelsmaschine durch die Gegend fahren soll!«

»Teufelsmaschine?«, fragte Markby.

»Dieses Motorrad!«, schnappte Mrs. Harmer, als stellte Markby sich absichtlich dumm an.

»Motorräder waren noch nie zu irgendetwas nütze! Er sollte sich einen Kleinwagen zulegen. Immer wieder sage ich ihm das!«

»Jeder braucht ein Hobby«, antwortete Markby in dem Versuch, sie zu beschwichtigen. Es ging völlig daneben.

»Hobby?« Mrs. Harmer zog ein gelbes Staubtuch aus der Schürzentasche und schüttelte es so heftig aus, dass es knallte wie eine Peitschenschnur. Staub wirbelte auf.

»Hobbys sind für Leute, die sonst nichts zu tun haben! Ich hatte in meinem ganzen Leben noch keine Zeit für ein Hobby!«

»Oh? Irgendjemand hat mir erzählt, Sie würden zu Hause Wein machen?«, bemerkte Markby unschuldig. Sie lief puterrot an und stopfte das Staubtuch in die Schürze zurück.

»Oh, hat man Ihnen das erzählt, ja? Nun ja, manchmal mache ich ein paar Flaschen, aber nur, wenn ich genügend reife Früchte übrig habe … weil man sie sonst nur noch wegwerfen kann, und ich mag nichts verschwenden. Das ist genauso wenig ein Hobby wie einkochen oder ein Chutney zubereiten oder einfrieren, wie es heutzutage jeder macht. Ich dachte, Sie wären gekommen, um den Vikar zu besuchen?«, erkundigte sie sich aufgebracht.

»Und nicht, um mir meine Zeit mit Geschwätz über Hobbys zu stehlen?« Sie deutete majestätisch zur Ecke des Hauses.

»Sie können hinten rumgehen und dann den Weg entlang zur Garage, immer geradeaus.« Sie schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Markby wanderte um das Haus herum und über den Pfad, der durch den verwilderten Garten führte. Die Parallele zu Fourways House wurde hier noch deutlicher sichtbar. Das Grundstück war ausgedehnt, doch es gab keinen Ron Gladstone, der den Garten gehegt und gepflegt hätte, nicht einmal einen kleinen Teil. Wo früher einmal Blumenbeete und Rasen gewesen waren, gab es heute nur noch eine wild wachsende Wiese. Hinter einer Ziegelmauer hatte es einen Gemüsegarten gegeben, doch auch der war nur noch eine Ödnis aus zerbrochenen Treibhausscheiben, eingefallenen Bohnengerüsten und wild wuchernden Kräutern. Sogar die Überreste eines Tennisplatzes waren zu erkennen. Die Asphaltoberfläche war gerissen und gesprungen, und Disteln hatten in den Spalten Wurzeln gefasst. Markby fand den Vikar mit seinem Motorrad beschäftigt, genau wie die Haushälterin es gesagt hatte. Die Maschine war aus der windschiefen Fertiggarage gerollt worden und stand aufgebockt auf einem Flecken, der im hellen Sonnenlicht lag. Die stämmige Gestalt von James Holland stand über das Gefährt gebeugt wie eine Mutter über die Krippe ihres Neugeborenen, während er gewissenhaft und liebevoll den Motor und die elektrischen Aggregate inspizierte.

»Mrs. Harmer wird mit dem Alter kein Stück freundlicher«, sagte Markby zur Begrüßung, als er näher gekommen war.

»Hallo Alan. Nein, da haben Sie wohl Recht. Aber sie hat ein gutes Herz, und mehr noch, sie kümmert sich seit Jahren um das Vikariat. Sie ist schon viel länger hier als ich es bin. Sie hat meinen Vorgänger dreißig Jahre lang versorgt.«

»Gütiger Gott! Wie alt ist sie denn?«

»Das ist ein Geheimnis«, sagte der Vikar grinsend.

»Niemand darf das wissen.«

»Ich habe versehentlich durchblicken lassen, dass ich eines ihrer anderen Geheimnisse kenne. Ich habe den selbst gemachten Wein erwähnt«, gestand Markby zerknirscht. James Holland lachte auf.

»Das wird sie Ihnen niemals verzeihen!« Er richtete sich auf und wischte sich die Hände an einem öligen Lappen ab.

»Ist dies ein Freundschaftsbesuch, Alan, oder sind Sie aus dienstlichen Gründen hergekommen? Stellt die Polizei Ermittlungen über mich an?«

»Ich jedenfalls nicht«, sagte Markby.

»Unser größter Fall im Augenblick, der Mord an Jan Oakley, liegt in den Händen anderer. Ich wurde mehr oder weniger ins Aus befördert.« James Holland kratzte sich nachdenklich an der Nasenwurzel. Als er die Hand wieder wegnahm, war ein schwarzer, verschmierter Streifen zu sehen.

»Juliet hat mir von Minchin und Hayes erzählt. Sie scheint voreingenommen gegen die beiden zu sein. Wie sind sie nun wirklich, Alan?«

»Extrem fähige Männer«, sagte Markby.

»Und ich beginne zu vermuten, dass Doug Minchin nicht ganz so humorlos ist, wie es nach außen hin scheint, auch wenn er sich die größte Mühe gibt, es zu verbergen. Er gehört zu jener Sorte, die Mrs. Harmer ›tiefes Wasser‹ nennen würde. Er bevorzugt bunte Hemden und gibt sich als harter Brocken.« Markby grinste.

»Er geht vor wie ein Zauberkünstler. Er bringt einen dazu, in die eine Richtung zu sehen, wenn man besser in die andere blicken sollte.«

»Sie haben also nichts gegen ihn?«, fragte James und hob eine buschige Augenbraue.

»Selbstverständlich habe ich etwas gegen ihn – oder besser hatte. Nein, nicht gegen Minchin persönlich. Ich habe etwas dagegen, wenn man mir sagt, dass ich die Ermittlungen nicht leiten darf. Andererseits besteht meine Aufgabe im Grunde genommen lediglich darin, dafür zu sorgen, dass jemand die Ermittlungen effektiv vorantreibt, und wie ich bereits sagte, Doug Minchin tut genau das.« Markby zögerte.

»Ich habe etwas dagegen, dass ich die Oakley-Schwestern nicht besuchen darf. Ich habe sie immer wieder besucht, mehr oder weniger regelmäßig, seit ich acht Jahre alt war – und jetzt sähe es aus, als würde ich mich in Minchins Ermittlungen einmischen. Wie geht es den beiden? Das ist der eigentliche Grund, aus dem ich hergekommen bin. Ich wollte mich bei Ihnen nach den Oakley-Schwestern erkundigen, James.« Pater Holland stieß einen Seufzer aus.

»Innerlich? Sie sind am Boden zerstört. Nach außen hin halten sie sich tapfer. Sie hatten viele Jahre Zeit, gegen alle mögliche Unbill des Schicksals zu kämpfen. Sie gehören zu der Sorte Mensch, die vor hundert Jahren die besten Missionare abgegeben hätten. Sie wissen schon, sich in einem Kanu den Limpopo hinaufpaddeln lassen, in einer Hand den Sonnenschirm, in der anderen die Bibel, wilden Tieren, der Hitze, allen möglichen Krankheiten und feindseligen Eingeborenen zum Trotz. Dennoch erscheint es mir unfair, dass man ihnen jetzt diese Geschichte anhängt.«

»Schön und gut, sie haben gelernt, mit Schicksalsschlägen umzugehen«, sagte Markby.

»Ich rede aber nicht nur von dem Vermächtnis, das seit Cora Oakleys Tod auf ihnen lastet. Sie haben ihren Bruder verloren. Sie haben viele Jahre lang einen alten, aufbrausenden Invaliden von Vater ertragen und pflegen müssen. Edward Oakley war ein unglücklicher Mann. Sein Sohn Arthur war sein ganzer Stolz und seine Freude gewesen. Seine Töchter waren kein Ersatz. Dann wurde er an den Rollstuhl gefesselt und musste große Schmerzen ertragen wegen seiner Arthritis. Er starb an einer Überdosis, wussten Sie das?« James Holland war so verblüfft, dass er einen Schraubenschlüssel fallen ließ, der mit einem lauten Scheppern auf sein geliebtes Motorrad prallte. Für einen Augenblick war er abgelenkt, während er sich überzeugte, dass kein Schaden entstanden war.

»Das wusste ich nicht«, erwiderte er schließlich.

»Wie ist es passiert?«

»Das weiß niemand«, sagte Markby. Er setzte sich auf eine nahebei stehende Gartenbank und streckte die Beine aus. Die Sonne schien warm auf sein Gesicht, und es wäre einfach gewesen, in dieser von der Zeit verschonten Wildnis die Welt ringsum und all die Schwierigkeiten zu vergessen.

»Diese ganze Generation«, murmelte er,»sie weiß, wie man Geheimnisse wahrt. Nicht wie in unserer modernen Zeit, all diese Fernsehshows voller Menschen, die der Welt ihre intimsten Probleme anvertrauen.« Eine Amsel flatterte aus dem Blätterdach auf und landete ein kurzes Stück weit entfernt unter beunruhigtem Gezwitscher auf einem Ast.

»Sie hat irgendwo ihr Nest mit Jungen«, sagte der Vikar.

»Die zweite Brut für dieses Jahr. Sie sind vor einer Woche aus dem Nest geflüchtet, aber der Elternvogel scheut sich noch, sie in die Freiheit zu entlassen. Auch die Natur behält ihre Geheimnisse, wie es scheint.« Markby nickte, doch er ließ sich nicht vom Thema ablenken.

»Mrs. Harmer verbirgt ihr Alter und ihr heimliches Hobby, das Weinkeltern. Andere alte Menschen verbergen die Tatsache, dass ihre Ehepartner weggelaufen sind, dass sie unehelich sind oder uneheliche Kinder haben oder wenig angesehenen Berufen nachgehen – praktisch alles, was ihnen als nicht respektabel erscheint. Die Oakley-Frauen haben niemals über William und Cora gesprochen. Oder zumindest haben sie bis heute darüber geschwiegen, bis man sie praktisch gezwungen hat zu reden. Genauso wenig haben sie jemals über die tödliche Überdosis gesprochen, die ihr Vater genommen hat. Es war Selbstmord, kein Zweifel. Er musste alle möglichen Medikamente nehmen einschließlich Schlafmittel. Seine Töchter verwahrten die Medikamente auf und gaben ihm regelmäßig die verordnete Dosis, einschließlich der Schlafmittel. Sie waren gewissenhafte Krankenschwestern, doch er überlistete sie. Er tat, als würde er das Schlafmittel nehmen, doch er hortete die Pillen in einem Versteck, bis er genug davon hatte. An jenem Abend, bevor er schlafen ging, trank er mehrere Gläser Whisky, was für ihn ungewöhnlich war. Er war kein Trinker. Er wollte wahrscheinlich die Wirkung der Schlaftabletten verstärken. Er schlief ein und wachte nicht wieder auf.«

»Der herbeigerufene Arzt wollte zuerst natürliche Umstände als Todesursache auf den Schein schreiben. Der alte Gentleman war schließlich bereits Mitte achtzig. Doch im letzten Augenblick änderte er seine Meinung, weil er sich für den genauen Grund für das Hinscheiden des alten Mannes interessierte. Er hatte das Herz und die Lunge Oakleys regelmäßig untersucht und für gesund befunden. Sein Appetit war gut gewesen. Die Arthritis allein hätte ihn nicht getötet. Die Leichenschau ergab schließlich, dass es eine Überdosis Schlafmittel gewesen war. Dann erinnerte sich der Arzt, dass Mr. Oakley zu verschiedenen Gelegenheiten den Wunsch geäußert hatte zu sterben, denn das Leben hielt nichts mehr für ihn bereit. Die ganze Geschichte wurde mit so wenig Aufhebens wie möglich über die Bühne gebracht. Der alte Mann hatte seinen Augenblick des Abgangs selbst ausgewählt. Nichtsdestotrotz hat es seine Töchter sehr getroffen. Selbstmord ist etwas, das in ihren Augen eine Sünde darstellt. Vielleicht bedeutete es, dass alles, was sie für ihn getan hatten, nichts wert gewesen war, und dass ihre Liebe und Hingabe mit Füßen getreten worden war. Schlimmer noch, vielleicht bedeutete es für sie, dass er das Handtuch geworfen und aufgegeben hatte. Ihnen erklären zu wollen, was Depressionen sind, wäre völlige Zeitverschwendung.«

»Hmmm«, machte James Holland.

»Wir können nur hoffen, dass sich diese gegenwärtige Geschichte bald aufklärt. Damaris und Florence haben mehr als genug ertragen, so viel steht fest.« Er verstummte. Nach einem Augenblick fragte er:

»Haben Sie Minchin erzählt, dass der alte Mann Selbstmord begangen hat?«

»Nein«, antwortete Markby.

»Es liegt fünfundzwanzig Jahre zurück, wenn nicht länger. Wie Sie bereits sagten, die beiden Schwestern haben genug gelitten, auch ohne dass diese Geschichte wieder ausgegraben wird.« Er blickte auf und sah, dass der Vikar ihn nachdenklich musterte.

»Und warum«, fragte Holland leise,»warum haben Sie mir diese Geschichte erzählt?« Markby erhob sich und klopfte seine Hose ab.

»Sie besuchen die Schwestern regelmäßig, auch jetzt. Ich dachte, es würde Sie vielleicht interessieren. Wenn Sie das nächste Mal zu ihnen gehen, bestellen Sie den beiden bitte meine herzlichsten Grüße. Und könnten Sie ihnen vielleicht erklären, warum es mir gegenwärtig unmöglich ist, sie persönlich zu besuchen? Ich werde mich in den nächsten Tagen wieder bei Ihnen melden, James.« Er nickte Holland zum Abschied zu und ging über den Pfad davon. Der Vikar blickte ihm gedankenvoll hinterher.

Später an jenem sonnigen Nachmittag erschien Minchin wie versprochen vor dem Haus der Painters. Pam bat ihn hastig hinein und führte ihn ins Wohnzimmer, wo sie ihm einen Sessel anbot. Sie und Juliet saßen ihm gegenüber auf dem Sofa und bildeten eine vereinte Front. Falls Minchin sich dadurch beeindrucken ließ, so zeigte er es nicht.

»Das ist eine skandalöse Geschichte, von Anfang an!«, begann Pam auf ihre direkte Art.

»Und ich bin froh über die Gelegenheit, Ihnen das zu sagen!«

»Mord ist immer skandalös«, erwiderte Minchin und nahm ihr vorübergehend den Wind aus den Segeln. Pam funkelte ihn schweigend an.

Juliet setzte den Angriff an ihrer Stelle fort.

»Warum verschwenden Sie Ihre Zeit mit uns?«, fragte sie und deutete mit der Hand zum Fenster.

»Warum sind Sie nicht da draußen und finden heraus, wer ihn umgebracht hat, Herrgott noch mal! Wir waren es nicht!«

»Mrs. Painter«, Minchin ignorierte Juliet zu ihrem größten Ärger einfach und konzentrierte sich stattdessen auf Pamela.

»Mrs. Painter, wenn ich richtig informiert bin, sind Sie nach Fourways House gefahren, um mit Jan Oakley zu reden.«

»Ja, das stimmt, aber ich habe ihn nicht angetroffen!«, entgegnete Pam.

»Und bevor Sie fragen, es tut mir sehr Leid, dass ich ihn nicht gefunden habe, sonst hätte ich ihm ganz gehörig den Kopf gewaschen, glauben Sie mir! Es war einfach schändlich, wie er den beiden alten Damen zugesetzt hat, und dazu stehe ich auch jetzt noch!«

»Ich verstehe. Sie halten die Ermordung von Jan Oakley also nicht für schändlich?«

»Selbstverständlich ist sie das!« Pam bewahrte nur unter großer Mühe ihre Selbstbeherrschung.

»Ich will bestimmt niemanden verteidigen, der das Gesetz gebrochen hat! Ich bin im Polizeikomitee. Als wir hier eingezogen sind, habe ich eine Nachbarschaftswache organisiert! Aber nur, weil jemand ermordet wurde, heißt das noch lange nicht, dass er ein unschuldiges, armes Opfer ist! Jan Oakley war nicht unschuldig, Superintendent! Er war ein Halunke und Halsabschneider!«

»Und sagen Sie bloß nicht, dafür gäbe es keine Beweise!«, fügte Juliet hinzu.

»Sein ganzes Verhalten, während er hier war – selbst die Tatsache, dass er überhaupt hergekommen ist –, deutet darauf hin!«

»Er hat keine Vorstrafen in Polen«, sagte Minchin. Juliet beugte sich vor.

»Weil er in Polen nicht die Gelegenheit bekam, die sich ihm hier geboten hat! Sobald er Fourways erblickt hat, muss er gedacht haben, dass seine Chance gekommen war! Meredith hat ihn bei seiner Ankunft hingefahren, und sie sagt, seine Augen hätten richtig geleuchtet!«

»Schön und gut«, entgegnete Minchin gleichmütig.

»Dann war er eben ein widerlicher kleiner Ganove, der in der Absicht gekommen war, zwei alte Frauen um ihr Geld zu erleichtern. Aber irgendjemand hat ihn umgebracht.«

»Damaris und Florence waren es jedenfalls nicht!«, sagte Juliet prompt.

»Ich habe es ebenfalls nicht getan, genauso wenig wie Pam, aber das sagten wir schon! Ron Gladstone werden Sie ja wohl kaum verdächtigen – er macht sich schon so genügend Vorwürfe! Wenn Sie mich fragen, dann hat es irgendwas mit Polen zu tun! Wahrscheinlich werden Sie herausfinden, dass er Drogenschmuggel betrieben oder vielleicht sogar irgendwas mit den Pferden gemacht hat.«

»Welchen Pferden?«, fragte Minchin verblüfft.

»Er hat auf einem Gestüt gearbeitet, oder nicht? Polen exportiert Pferde, bestes Blut. Mit Pferdehandel wird eine Menge Geld verdient. Er könnte zu irgendeinem Syndikat gehört haben, das irgendwelche krummen Dinger mit Pferden getrieben hat.«

»Beweise«, sagte Minchin ungerührt. Juliet hämmerte sich mit den Fäusten auf die Oberschenkel.

»Ich habe keine Beweise, Herrgott noch mal! Wie denn? Das ist Ihr Job! Sie müssen die Beweise finden! Ich verlange ja nur von Ihnen, dass Sie ein wenig nach rechts und links sehen! Sie scheinen Scheuklappen aufzuhaben! Sie sehen nur die Oakleys und uns, ihre Freunde, sonst nichts! Mir scheint sonnenklar, dass Sie woanders nach dem Mörder suchen sollten!«

»Mir scheint sonnenklar, dass Sie gerne hätten, wenn ich woanders suche«, sagte Minchin. Pam atmete empört ein.

»Ich mag die Implikationen Ihrer Worte nicht, Superintendent. Wir versuchen lediglich, Ihnen zu helfen.« Minchin verdrehte die Augen.

»Als Sie nach Fourways fuhren, um mit Oakley zu reden, haben Sie auch im Garten nach ihm gesucht, nachdem Sie festgestellt hatten, dass er nicht im Haus war?«

»Ich habe im Garten nach ihm gesucht, ja. Ich bin gar nicht erst im Haus gewesen. Ich wollte ihn alleine stellen, verstehen Sie? Aber ich habe ihn nicht gefunden. Stattdessen bin ich Ron Gladstone begegnet.«

»Und während Sie im Garten nach Jan Oakley gesucht haben, waren Sie da auch in dem alten Pflanzschuppen?«

»Oh, ich verstehe …«, sagte Pam und verstummte für ein oder zwei Sekunden.

»Ich war nicht im Pflanzschuppen, nicht genau genommen jedenfalls. Ich war an der Tür und habe hineingesehen, aber es war niemand da.«

»Hey!«, rief Juliet empört.

»Beschuldigen Sie etwa Pam, das Arsen genommen zu haben?« Minchin hob die breite Hand zu einer Bewegung, als wollte er ein Auto anhalten. Juliet biss sich auf die Lippe und schäumte innerlich weiter.

»Wie hat es im Innern des Schuppens ausgesehen?«, fragte er Pam.

»Wirkte er aufgeräumt?« Sie blickte ihn verblüfft an.

»Ich … ich weiß es nicht. Ich habe mir keine Gedanken darum gemacht, ob er aufgeräumt war oder nicht, sondern nur, ob Jan darin war, und er war nicht da. Jedenfalls hat eine Menge Zeugs herumgelegen, ein Teil davon ohne Zweifel antik.«

»Und wie hat es herumgelegen? Hat es ausgesehen, als würde es seit vielen Jahren oder vielleicht sogar Jahrzehnten herumliegen, ohne dass es jemand benutzt hat?« Pam runzelte die Stirn, dann hellte sich ihre Miene auf.

»Nein. Nicht alles. Ein Teil sah aus, als wäre er erst kurze Zeit zuvor in eine Ecke geräumt worden. Auf dem Boden waren frische Kratzspuren … und eine Kiste war hervorgezogen, als hätte jemand sie benutzt, um an das Regal zu kommen …« Sie brach bestürzt ab und schlug die Hand vor den Mund.

»Verstehen Sie nun?«, fragte Minchin geduldig.

»Ich versuche herauszufinden, wann das Arsen weggenommen wurde. Falls jemand im Schuppen gewesen ist und in den Sachen herumgewühlt hat, bevor Sie dort waren, dann kann es bereits sehr früh weggenommen worden sein. Sie fuhren nach Fourways House, gleich nachdem Sie von Jan Oakleys Ankunft gehört hatten, richtig? Also hat irgendjemand fast von Anfang an den Plan geschmiedet, Jan aus dem Weg zu räumen.« Es war ihm gelungen, seine beiden Gastgeberinnen für eine Weile zum Schweigen zu bringen. Er beobachtete sie, während sie den Gedanken verdauten. Plötzlich schlug er mit den flachen Händen auf die Lehnen seines Sessels.

»Nun gut, meine Damen. Ich glaube nicht, dass ich für den Augenblick noch Fragen an Sie habe.« Unvermittelt und zur Verblüffung der beiden Frauen wechselte er das Thema.

»Diese Häuser hier, sie sind neu, nicht wahr? Auf ehemaligem Ackerland gebaut?«

»Ja, das stimmt«, antwortete Pamela vorsichtig.

»Die einheimischen Immobilienmakler haben sicherlich gute Geschäfte gemacht.« Er warf einen Seitenblick zu Juliet.

»Woher soll ich das wissen?«, erwiderte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch.

»Ich bin keine Immobilienmaklerin.«

»Wie ich sehe, befindet sich hinter den Grundstücken noch ein kleiner Rest Wald«, sagte Minchin mit einem Nicken in die Richtung.

»Oh, das«, erwiderte Pamela.

»Das ist Bailey’s Coppice. Es ist Privatbesitz, aber Spaziergänger haben Zutritt. Wir haben eine Menge Naturliebhaber und Vogelfreunde hier in der Gegend.«

»Dann sollte ich die Gelegenheit vielleicht nicht verpassen, mir diesen Wald anzusehen.« Sein Blick fiel auf Juliet.

»Hätten Sie vielleicht die Freundlichkeit mitzukommen und mir zu zeigen, wo sich der Weg in diesen Wald befindet, Miss Painter?« Juliet und ihre Schwägerin wechselten verblüffte Blicke.

»Nun ja …«, sagte Juliet nach einer Pause.

»Warum nicht? Ich gehe nur eben meine Gummistiefel holen. Die Wege könnten ein wenig feucht sein.« Bailey’s Coppice war kühl, dunkel und geheimnisvoll. Nirgendwo war eine Spur von Vogelfreunden oder Naturliebhabern zu sehen, als Minchin und Juliet Painter bei der hölzernen Trittleiter ankamen, die über die den Wald umgebende Mauer aus Trockensteinen führte. Dahinter zog sich ein schmaler, ausgetretener Pfad zwischen dichtem Unterholz und eng beieinander stehenden Baumstämmen dahin.

»Wie es aussieht«, stellte Minchin fest,»machen sich einige Leute nicht die Mühe, die Trittleiter zu benutzen.« Er deutete zu einer Stelle, wo die Trockensteinmauer eingestürzt war.

»Sie meinen die Beschädigung der Mauer? Das sind wahrscheinlich eher Leute auf der Suche nach Steinen gewesen als Wanderer. Unsere einheimischen Steine sind heutzutage sehr teuer, und es gibt kaum noch Steinbrüche, in denen sie abgebaut werden dürfen. Deswegen kommen die Leute, hauptsächlich Stadtbewohner, nach hier draußen in die Cotswolds, wenn sie sich zu Hause einen Felsengarten oder eine kleine Gartenmauer anlegen wollen, und stehlen die Steine. Sie denken sich nichts dabei. Das Traurige ist, meistens handelt es sich um angesehene Leute, die überhaupt kein Unrechtsbewusstsein haben. Für sie ist es kein Diebstahl. Die Steine stammen von hier, und die Leute gehen davon aus, dass sie der Allgemeinheit gehören. Wenn sie ein Stück Mauer in schlechtem Zustand finden, dann denken sie: Oh, eine Ruine, niemand will die Steine, und nehmen sie mit nach Hause. Oder sie nehmen einen oder zwei von der Mauerkrone und denken, es würde schon nichts ausmachen. Aber sie irren sich. Es macht eine ganze Menge aus. Weil die Mauer dann noch weiter einstürzt, und wenn der Besitzer herkommt, um sie wieder zu reparieren, sind die Steine nicht mehr da, und statt einer kleinen Lücke hat er ein großes, klaffendes Loch vor sich.« Juliet war über die Trittleiter geklettert, während sie redete, und sprang auf der anderen Seite hinunter auf den schlammigen Pfad.

»Nehmen Sie sich vor den Brombeerranken in Acht!«, warnte sie Minchin, der ihr dicht auf den Fersen folgte.

»Hat man schon mal einen von diesen Steindieben geschnappt?«, fragte Minchin hinter ihr.

»O ja! Geoffrey, mein Bruder, kam eines Tages hier entlang und traf ein Paar an, das Steine in den Kofferraum seines Wagens lud. Sie waren im mittleren Alter und ordentlich gekleidet und unglaublich eingeschnappt, als er sie fragte, was zur Hölle sie eigentlich da machten. Er sagte ihnen, dass er sich ihr Autokennzeichen notiert hätte und die Polizei anrufen würde, sobald er wieder zu Hause wäre, in etwa fünf Minuten. Er fragte sie, ob sie vielleicht auch noch zum Haus des Besitzers fahren und dort Steine stehlen wollten. Sie drehten fast durch. Er befürchtete, der Mann könnte sich auf ihn stürzen. Dann fragte er: Angenommen, jemand führe zu Ihrem Haus, wo auch immer es steht, und würde dort Steine aus der Mauer brechen für seinen Garten? Sie beschimpften ihn auf die unflätigste Weise, die Frau noch mehr als der Mann. Und dabei hätte sie so nett und vernünftig ausgesehen, hat Geoffrey später erzählt. Wie dem auch sei, er zwang sie, die Steine auszuladen, und sah ihnen zu, bis sie davonfuhren. Er vermutete, dass sie zurückkehren würden, sobald er außer Sicht war, um die Steine wieder einzuladen.«

»Sie nahmen wohl an, dass man die Steine mitnehmen könnte«, sagte Minchin.

»Die Menschen nehmen eine Menge Dinge einfach an, nicht wahr? Weil sie die Dinge entweder nicht verstehen oder weil sie nach außen hin anders wirken, als sie in Wirklichkeit sind.«

»Man muss schon ziemlich blöd sein, um zu glauben, dass man Mauern einfach abreißen kann«, entgegnete Juliet.

»Oh, hier liegt ein toter Vogel. Sieht aus wie ein Buntspecht, aber irgendetwas hat ihm den Kopf abgebissen!« Minchin kam hinter ihr heran und schob den traurigen kleinen Kadaver mit der Fußspitze zur Seite.

»Verstehen Sie?«, sagte er.

»Es ist ganz leicht, irgendetwas über andere Leute anzunehmen, insbesondere, wenn sie einen anderen Hintergrund haben als man selbst.« Juliet bedachte ihn mit einem misstrauischen Blick.

»Soll das eine Anspielung auf mich sein?«

»Nun ja, Sie scheinen zu glauben, dass Sie wissen, wie ich diesen Fall betrachte. Sie scheinen zu glauben, ich bin nicht imstande, irgendetwas zu sehen, es sei denn, es ist direkt vor meiner Nase wie dieser tote Vogel hier – und selbst dann muss man mich noch darauf stoßen.« Beide schwiegen sekundenlang, und die Stille wurde nur durchbrochen von knackenden Zweigen in den Tiefen des Wäldchens und dem Rascheln über ihren Köpfen, als irgendein größerer Vogel lärmend aus den Baumkronen aufflatterte.

»Eine Taube«, sagte Minchin, ohne nach oben zu sehen.

»Mein Großvater hat mich früher mitgenommen, auf die Taubenjagd. Er war ein Landmensch. Kent. Nette Gegend, Kent.«

»Oh, ich verstehe«, räumte Juliet ein.

»Tut mir Leid, wenn ich unhöflich geklungen habe. Aber Sie selbst sind auch nicht gerade ausgesprochen höflich, oder? Sie wissen beispielsweise ganz genau, dass ich keine Immobilienmaklerin bin!« Auf Minchins Gesicht erschien ein Grinsen.

»Selbstverständlich weiß ich das«, antwortete er.

»Aber Ihre Reaktion zu beobachten, wann immer ich Sie eine Maklerin nenne, macht es die Sache wert. Jedes Mal.« Sie riss die Augen auf und starrte ihn ungläubig an. Dann riss sie sich zusammen.

»Also … also das ist wirklich der Gipfel der Unverschämtheit!«

»Sehen Sie?«, grinste Minchin ungerührt.

»Sie haben wunderschöne Augen, wissen Sie das? Warum nur tragen Sie diese schrecklich altmodische Brille?« Meredith verbrachte einen großen Teil der Fahrt zur Arbeit am folgenden Morgen damit, eine plausible Schilderung der Ereignisse zurechtzulegen, die Adrians neugierige Fragen zurückweisen würde. Er sollte in der Lage sein zu begreifen, dass sie mit ihm nicht über die in die Angelegenheit verwickelten Personen sprechen konnte. Sie würde einfach sagen, es hätte einen Todesfall gegeben. Sie wäre entfernt mit dem Verstorbenen bekannt gewesen, und der ermittelnde Beamte der Polizei hätte mit ihr reden wollen und dies auch getan. Die Angelegenheit sei abgeschlossen, was sie anbetraf. Sie schätzte nicht, dass ihre Geschichte Adrian zufrieden stellen würde, und sie wusste, dass er ihren Unwillen, ihn weiter einzuweihen, zur Liste von Dingen hinzufügen würde, die er gegen sie aufsummierte. Sie wusste nicht genau, warum er sie so wenig zu mögen schien, und tat es ab als eines der ungelösten Geheimnisse des Lebens. Adrian war außerdem kein Mann, dessen Freundschaft sie suchte. Er war ihr egal. Außer natürlich, dass sie ein Büro mit ihm teilen musste. Meredith seufzte. Doch das Leben ist voller Überraschungen. Als Meredith forsch in ihr Büro marschierte, bereit, ihre präparierte Geschichte herunterzuspulen, blieb sie wie angewurzelt stehen. Ihren Augen bot sich ein unerwarteter Anblick. An Adrians Schreibtisch saß eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren und einem Stirnrunzeln auf dem Gesicht, während sie den Inhalt von Adrians Eingangskorb, um den es sich allem Anschein nach handelte, durchsuchte und sortierte. Meredith räusperte sich. Die andere Frau hob den Blick.

»Hallo«, sagte sie.

»Ich bin Polly Patel. Ich habe Adrian abgelöst.«

»Wann?«, hörte Meredith sich selbst fragen.

»Seit gestern – aber Sie waren nicht da, deswegen können Sie das natürlich nicht wissen.« Meredith stellte ihre Aktentasche ab und streckte der jungen Frau die Hand entgegen. Polly Patel schüttelte sie.

»Äh, was ist mit Adrian?«, fragte Meredith. Polly grinste.

»Das weiß niemand so genau. Es gibt Gerüchte, mehr nicht. Es heißt, er wäre auf der Herrentoilette erwischt worden, als er sich eine Linie gezogen hat. Er ist zu irgendeiner unwichtigen Routinearbeit versetzt worden, bis sie entschieden haben, was aus ihm werden soll.« Sie hob die Augenbrauen.

»Tut mir Leid, wenn er ein Freund von Ihnen war.«

»Adrian? Bestimmt nicht!«, sagte Meredith vehement.

»Ganz im Gegenteil. Ich bin sehr froh, dass Sie ihn abgelöst haben, Polly.« Sie ging zum Fenster und starrte für einen Augenblick auf den Bürgersteig hinunter.

»Wissen Sie, ich habe überlegt und überlegt, wie ich ihn loswerden könnte, und am Ende musste ich überhaupt nichts tun. Er hat sich selbst rausgeschossen.«

»Da sehen Sie mal wieder«, sagte Polly unbekümmert.

»Warum sich den Kopf zerbrechen? Das sage ich jedenfalls immer. Die Hälfte aller Probleme löst sich von ganz alleine. Man muss nur ein wenig Geduld haben. Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was andere mir über Adrian erzählt haben, dann war er längst reif. Er hat es geradezu herausgefordert.« Meredith wandte sich langsam zu Polly um, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben.

»Ja … ja, das war er.« Sie sah Polly nachdenklich an, dann kam sie zu einem Entschluss und packte ihre Aktentasche.

»Polly, es tut mir wirklich Leid, Ihnen das anzutun, aber können Sie die Festung noch einen Tag ohne mich halten? Ich muss ganz dringend zurück nach Bamford.«

»Kein Problem.« Polly fragte nicht nach einem Grund. Sie hatte angefangen zu arbeiten, und ihre Antwort hatte abwesend geklungen. Meredith hastete aus dem Büro. Es war so offensichtlich! Es war so verdammt offensichtlich! Jeder hätte dahinter kommen können, jeder. Sie konnte sich ausmalen … nun ja, nicht alles. Aber einen großen Teil, so viel stand fest.

»Was«, fragte Alan Markby,»was machen wir hier?«

Er stellte diese Frage nicht im Kontext vom Platz des Menschen in Gottes Universum, sondern seiner eigenen Anwesenheit zusammen mit Meredith in einer Parkbucht. Er hatte seinen Wagen hinter dem ihren geparkt und war zu ihr auf den Beifahrersitz gestiegen. Jetzt spähte er durch die Windschutzscheibe auf einen alten, heruntergekommenen Transit, der vor ihnen parkte.

»Nicht, dass es nicht sehr schön wäre, dich so bald schon wiederzusehen, aber soweit ich mich erinnere, bist du heute Morgen mit dem Zug nach London zur Arbeit gefahren und wolltest eigentlich erst heute Abend wieder nach Hause kommen. Was ist passiert?«

»Ich muss mit dir reden, Alan, und am Telefon hätte ich es unmöglich tun können. Verstehst du, ich …«

»Es muss doch auch noch andere Plätze geben, wo man reden kann! Was, glaubst du, ist in diesem Lieferwagen?«

»Keine Ahnung!«, erwiderte Meredith grob.

»Alan, ich bin von London zurückgekommen, weil ich mit Minchin reden muss, aber zuerst wollte ich es dir sagen! Das ist der Grund, aus dem ich dich nicht im Hauptquartier besuchen wollte, sondern dich hierher gebeten habe, eine halbe Meile weit weg. Wir können anschließend zusammen zu Minchin gehen.«

»Du hast doch gestern erst mit Minchin geredet«, sagte er, während er immer noch den Lieferwagen vor ihnen anstarrte und ihr kaum zuhörte.

»Wenn dir noch etwas eingefallen ist, warum rufst du ihn nicht einfach an und sagst es ihm? Warum bringst du mich ins Spiel?«

»Weil ich zuerst mit dir überlegen möchte, was ich ihm sage. Ich bin ziemlich sicher, dass ich Recht habe, verstehst du, aber ich habe nicht die komplette Lösung. Sie ist nicht wasserdicht. Ich hab sie nur zur Hälfte. Ich dachte, dass dir vielleicht die andere Hälfte einfallen würde, wenn ich es dir erzähle.«

»Also schön, dann lass mich mal deine Hälfte hören.«

»Es ist wegen des Arsens«, sagte sie.

»Ich weiß, wer es aus dem Pflanzschuppen genommen hat.«

»Tatsächlich?« Er klang wenig überzeugt.

»Ja. Es ist vollkommen offensichtlich! Jan hat es genommen.«

»Und dann damit Selbstmord begangen? Ich glaube nicht, dass Minchin dir diese Geschichte abkauft. Es würde jeden anderen Verdächtigen entlasten, aber ich schätze, du musst dir etwas Besseres einfallen lassen als das.«

»Wenn du doch endlich einmal zuhören würdest! Ehrlich, Alan, manchmal bringst du mich zur Verzweiflung!«

»Tatsächlich?« Er blickte beleidigt drein.

»Bin ich vielleicht derjenige, der sein Büro verlassen und mich von meiner Arbeit weggerufen hat, um hier einer raffinierten Erklärung zu lauschen, warum Jan Oakley schön brav Arsen geschluckt hat?« Der Lieferwagen vor ihnen setzte den Blinker und fädelte sich in den Verkehr ein.

»Jetzt werde ich nie herausfinden, was er hinten drin geladen hatte«, brummte Markby.

»Du wirst nie herausfinden, was ich herausgefunden habe, wenn du nicht endlich zuhörst! Jan hatte nicht die Absicht, das Arsen zu schlucken! Er wollte nicht Selbstmord begehen, ganz im Gegenteil. Er wollte die Oakley-Schwestern ermorden!« Er drehte den Kopf und blickte sie an.

»Erzähl weiter.«

»Ja.« Sie schob sich eine widerspenstige Locke brauner Haare aus der Stirn und machte sich daran, ihm ihre Theorie zu erklären.

»Es ging von Anfang an um ein Testament – oder besser, um Testamente. Jan kam in dieses Land, weil er das Testament seines Urgroßvaters gefunden hatte und glaubte, er könnte es benutzen, um damit Geld zu machen. Doch als er hier ankam, stellte er fest, dass es kein Geld gab, nichts weiter als ein verfallendes, großes, altes Haus auf einem riesigen Stück Land. Das war kein Bargeld, aber es konnte zu Bargeld werden, falls und wenn es verkauft wurde. Richtig bisher?«

»Niemand stellt das in Frage.«

»Irgendwie fand Jan heraus, dass Dudley Newman an diesem Land interessiert ist.«

»Newman hat es ihm selbst gesagt«, erklärte Markby.

»Er glaubte, dass Jan den Verkauf behindern könnte.«

»Hat er das? Nun ja, Jan hatte angefangen, sich selbst zu einem Hindernis zu machen, doch als er erfuhr, dass es definitiv einen Kaufinteressenten gab, änderte er seine Pläne. Er wollte, dass das Haus verkauft wurde. Doch er erkannte auch, dass Damaris und Florence ihm nicht einfach so die Hälfte des Verkaufserlöses überlassen würden. Sie mochten ihn nicht einmal. Du und ich, Pam Painter, Juliet, Laura, jeder, der die Oakleys kannte, wir haben uns zusammengetan, um zu verhindern, dass er die Schwestern überredet oder unter Druck setzt. Und dann hat Jan einfach eins und eins zusammengezählt. Die einzigen noch lebenden Oakleys auf der Welt waren die beiden Schwestern und er selbst. Wenn sie sterben würden …«

»Ah«, sagte Markby.

»Die Testamente im Schreibtisch.«

»Ganz genau. Wenn beide Schwestern starben, wäre er in einer guten Position, das Erbe für sich in Anspruch zu nehmen, vorausgesetzt, dass sie es niemand anderem vermacht hatten. Also nutzte er die Gelegenheit, den Schreibtisch zu durchwühlen, und er fand, wonach er gesucht hatte, nämlich die Testamente von Damaris und Florence. Mehr noch, als er sie las, stellte er fest, dass sie genau das enthielten, was er sich erhofft hatte. Jede der Schwestern hinterließ der jeweils anderen alles. Sie hatten die Testamente bereits einige Jahre früher verfasst, als sie noch jünger gewesen waren. Jan beschloss ganz kaltblütig, die beiden zu ermorden … und er hatte die Mittel dazu.« Meredith gab Markby einen Augenblick Zeit, um die Geschichte bis hierher zu kommentieren, doch er schwieg. Er beobachtete sie mit nachdenklicher Miene.

»Die Frage, wer das Arsen aus dem Pflanzschuppen genommen hat, war nicht allzu schwer zu lösen. Ron wusste, dass es dort war, doch er hatte es vorübergehend vergessen. Warum? Weil ausgerechnet in dem Augenblick, als er es entdeckt hatte, niemand anders als Jan vor der Tür des Schuppens auftauchte, frisch aus Polen eingetroffen. Ron war abgelenkt. Er wusste nicht, wer der Fremde war, und als er es erfuhr, dachte er an nichts anders mehr. Er ließ den Schuppen unverschlossen zurück. Weder Damaris noch Florence hätten irgendeinen Grund gehabt, ihn zu betreten. Sie wussten nicht einmal, dass Ron den Riegel abgeschraubt hatte. Es war Jan, der überall seine Nase hineinsteckte und schnüffelte. Niemand anderes als er ist in den Schuppen gegangen, und dort fand er das Arsen. Er erkannte, was es war, und dachte, dass er es vielleicht gebrauchen könnte, falls sein ursprünglicher Plan nicht aufgehen sollte.« Merediths Begeisterung geriet ins Wanken.

»Ich kann es nicht beweisen, ich weiß. Aber ich bin sicher, dass es sich so abgespielt hat. Jan hatte vor, die Oakleys zu vergiften, und er entschied sich, zu diesem Zweck den Hefeaufstrich mit Arsen zu versetzen, den die beiden so gerne essen.«

»Alles im Küchenschrank wurde überprüft, einschließlich dieses Aufstrichs«, sagte Markby.

»Oh, dieses Glas war in Ordnung«, sagte Meredith.

»Es ist das andere, das von Jan manipulierte, das wir finden müssen. Er hat die Gläser ausgetauscht, verstehst du? Er musste nichts weiter tun als warten, um sie dann wieder zurückzutauschen.«

»Und wie kommt es dann, dass er sich selbst vergiftet hat?«

»Weil Jan zum einen überschätzt hat, wie viel Arsen erforderlich ist. Hat Geoffrey Painter nicht gesagt, Jan wäre an einer massiven Dosis gestorben, weit mehr, als notwendig gewesen wäre? Jan muss erkannt haben, dass die Arsenzubereitung, die er im Pflanzschuppen gefunden hatte, bereits sehr alt war, und vielleicht hat er geglaubt, dass sie im Verlauf der Jahre einen Teil ihrer Wirksamkeit verloren hatte, was er durch großzügige Dosierung zu kompensieren gedachte. Irgendetwas geriet beim Vertauschen der Gläser durcheinander. Die Schwestern aßen den Hefeaufstrich aus dem Küchenschrank und waren wohlauf. Jan glaubte, sie hätten den vergifteten Aufstrich gegessen. Er ließ sie zu Bett gehen in dem Glauben, dass sie im Verlauf der Nacht an einer akuten Gastroenteritis erkranken würden. Ich glaube nicht, dass er sie gleich umbringen wollte. Er plante eine sich über mehrere Tage hinziehende Erkrankung. Während er darauf wartete, dass seine Opfer den ersten Anfall erlitten, bekam er Appetit und wollte sich eine kleine Mahlzeit zubereiten. Vielleicht war es Galgenhumor, der ihn dazu bewog, sich Hefeaufstrich aus dem Glas zu nehmen, das er soeben im Schrank ersetzt hatte. Damaris fand ein mit Hefeaufstrich verschmiertes Messer im Spülbecken, nachdem sie den Krankenwagen gerufen hatte. Irgendwie hatte Jan die Gläser verwechselt. Die Schwestern hatten aus dem sicheren Glas gegessen, und Jan aß vom vergifteten Aufstrich. Wir haben jeden verdächtigt, haben nach einem Motiv gesucht, nach einem Täter. Aber Jan hat es selbst getan. Genau wie Adrian.«

»Adrian?«

»Das erzähle ich dir später. Was glaubst du, Alan?« Markby rutschte umständlich auf dem Beifahrersitz hin und her.

»Ich denke, die Blutzufuhr zu meinen Füßen ist abgeschnitten. Ich denke, es ist eine geniale Theorie, mehr aber auch nicht. Du kannst sie nicht beweisen. Mehr noch, ich sehe einfach nicht, wie ein Mann, der einfallsreich genug ist, um einen derartigen Plan auszuhecken, so sorglos sein kann, die Gläser zu vertauschen. Und wenn er es getan hat – wo ist das manipulierte Glas mit Hefeaufstrich jetzt? Nach deinen Schlussfolgerungen sollte es von Jan im Küchenschrank vertauscht worden sein. Aber die Spurensicherung hat das Glas aus dem Schrank untersucht, und es war einwandfrei. Wenn wir mit dieser Geschichte zu Minchin gehen, lacht er uns aus …« Markby stockte und starrte Meredith aus aufgerissenen Augen an.

»Alan?«, fragte sie unsicher.

»Kenny Joss«, sagte er leise.

»Kenny Joss war in der Küche. Dave Pearce hatte das Gefühl, dass Joss ihm etwas verheimlichte. Wir werden mit Minchin reden. Wir werden augenblicklich zu ihm gehen und mit ihm reden. Komm, worauf wartest du? Lass uns fahren!«

»Dein Wagen steht hinter meinem«, erinnerte sie ihn. Mit einem unterdrückten Fluch kletterte er aus Merediths Wagen und rannte zu seinem eigenen. Sie ließ ihn zuerst ausscheren und voranfahren. Es erschien ihr taktvoller so.

KAPITEL 24

»WIR KÖNNEN Joss herbringen lassen«, sagte Minchin. Er saß in Markbys Büro. Staubteilchen tanzten in einem schrägen Schaft aus schwachem Sonnenlicht, der durch das Fenster fiel. Minchin saß mit krummem Rücken auf seinem Stuhl, die Unterarme auf den Oberschenkeln und die breiten Hände locker verschränkt. Er blickte unter seinen hellen, buschigen Augenbrauen hervor auf Markby. Trotz seines gegenwärtigen trotzigen Auftretens war Minchin seit seiner Rückkehr vom Haus der Painters am vorangegangenen Nachmittag unüblich gut gelaunt gewesen. Vielleicht war es diese Hochstimmung, die ihn dazu bewogen hatte, sich Merediths Theorie ohne Protest anzuhören. Markby, der halb erwartet hatte, Minchin könne sich weigern, war sowohl erleichtert als auch erstaunt. Meredith war inzwischen wieder gegangen. Minchin hatte die ganze Zeit über schweigend dagesessen und zugehört, ohne jegliche äußere Gemütsregung. Nach Markbys Meinung hatte Meredith überzeugend gesprochen und ihre Theorie lückenlos präsentiert. Doch da er nicht wusste, wie viel davon Minchin zu glauben bereit war, hatte er das Schlimmste befürchtet. Nun saßen die beiden hohen Beamten allein in Markbys Büro, um über die Sachlage zu reden. Minchin hatte mit seinem lakonischen Vorschlag als Erster das Schweigen gebrochen. Markby hatte bis zu diesem Zeitpunkt befürchtet, dass Minchin damit anfangen würde, seine Zweifel an Merediths Idee zum Ausdruck zu bringen oder sie vielleicht ganz und gar zu verwerfen, und so gelang es ihm nicht, seine Überraschung zu verbergen.

»Sie halten es für nötig, Joss noch einmal zu verhören?«, fragte er, außerstande zu glauben, dass Minchin Merediths Gedankengänge so widerspruchslos akzeptiert hatte. Wie sich herausstellte, war es nicht Meredith gewesen, die Minchin beeinflusst hatte.

»Sie vertrauen doch auf Pearces Urteilsvermögen, oder?«, Minchin fixierte Markby aus kleinen, harten blauen Augen.

»Absolut.« Es konnte zwar manchmal schwierig sein, Dave von einer fixen Idee abzubringen – der Inspector hatte Halsstarrigkeit zu einer Kunstform entwickelt –, doch jetzt war nicht der geeignete Augenblick, um Nein zu sagen. Markbys einzige Möglichkeit bestand darin, sein vollständiges und restloses Vertrauen in den gesunden Menschenverstand seines Untergebenen zu bekunden.

»Und ich vertraue auf das Urteilsvermögen von Mickey Hayes«, erwiderte Minchin im gleichen Brustton der Überzeugung.

»Er hat nach Dave Pearce mit Kenny Joss geredet, und auch er meinte hinterher, dass dieser Joss irgendetwas zurückhält. Ich hatte eigentlich darauf vertraut, dass Mickey es aus ihm herausholt. Ich dachte, Joss fängt jeden Augenblick an zu reden, doch das war ein Irrtum. Joss hat lediglich das wiederholt, was er auch schon Dave Pearce erzählt hat.« Wie Pearce zuvor bemühte sich Markby, sich seine Befriedigung nicht anmerken zu lassen angesichts der Tatsache, dass Hayes genauso wenig Erfolg bei Kenny Joss gehabt hatte wie Dave.

»Mickey glaubt, dass Joss nach außen hin den harten Mann markiert, aber innerlich macht er sich fast in die Hosen vor Angst. Wenn wir ihn weiter bearbeiten, fängt er irgendwann an zu reden.« Minchins letzte Worte machten Markby ein wenig unruhig. Es war durchaus möglich, dass der Hauptstadtpolizist Recht behielt, aber wie lange wollte er Joss bearbeiten, bis dieser endlich auspackte? Die Beamten aus London hatten den Betrieb im Regionalen Hauptquartier zwar längst nicht so sehr gestört, wie Markby ursprünglich befürchtet hatte, trotzdem sehnte er den Tag herbei, an dem sie ihre Ermittlungen für abgeschlossen erklärten und nach London zurückfuhren.

»Was die restlichen Ideen Merediths angeht …«, begann er.

»Es war nett von ihr vorbeizukommen«, sagte Minchin leichthin.

»Aber sie hat uns im Grunde genommen nichts Neues erzählt, oder? Ich meine, ich war mehr oder weniger selbst bereits dahinter gekommen, und ich wage zu behaupten, dass Sie die gleiche Vermutung hegten.« Das raubte Markby für einen Moment die Sprache, und er war heilfroh, dass Minchin dies nicht in Merediths Gegenwart gesagt hatte. Er konnte sich ihre Reaktion sehr gut vorstellen.

»Ich hatte mir noch keine Meinung gebildet«, räumte er schließlich ein in der Hoffnung, dass es würdevoll klang und nicht eingebildet. Minchin hob die Hand und streckte den Zeigefinger aus.

»Wer profitiert von der Tat? Cui bono? Das ist der lateinische Ausdruck dafür, oder? Ich war auf einer Gesamtschule, deswegen hatte ich kein Latein – aber Sie waren auf einer Privatschule, richtig? Sie kennen all diese Phrasen. Das habe ich mich immer wieder gefragt: Cui bono?« Erneut verschlug es Markby die Sprache, oder zumindest sah er sich außerstande, eine intelligente Antwort zu geben. Wie viel Erkundigungen hatte Minchin über ihn eingezogen, bevor er hergekommen war?

»Wer auch immer das Gift aus dem Schuppen genommen hat, er tat es, weil er Mord im Sinn hatte«, fuhr Minchin fort.

»Also muss es jemand gewesen sein, der vom Tod wenigstens einer anderen Person profitieren würde. Ich zog die alten Ladys in Betracht. Sie wären wirklich erleichtert gewesen, wäre Jan tot umgefallen. Aber sie hatten jeden einschließlich ihrer Anwältin auf ihrer Seite, und sie wären wohl durchaus imstande gewesen, Jans Forderungen abzuschmettern, ohne sein Essen mit Arsen zu vergiften. Andererseits, wenn man hier zwei alte Menschen hat und dort einen jungen Verwandten, der völlig abgebrannt ist und vermutet, dass die Alten auf einem Berg von Geld sitzen, dann hat man ein ganz klares Motiv«, schloss Minchin scharfsinnig.

»Eines der ältesten Motive auf der Welt. Der Erbe, der nicht warten kann.«

»Sie haben ihn in ihren Testamenten nicht bedacht«, sagte Markby in dem Gefühl, wenigstens einen Einwand gegen diese ebenso plausible wie ärgerlich selbstzufriedene Erklärung der Ereignisse vorbringen zu müssen.

»Doch Jan war das einzige noch lebende Familienmitglied, richtig? Jedes Gericht hätte seinen Forderungen Verständnis entgegengebracht. Also vermutete ich, dass Jan sich irgendwie in den Besitz des Giftes gebracht hatte, und dann irgendwie Mist gebaut hatte, als er es einsetzen wollte. Was ich bisher nicht herausgefunden habe: Wie ist es dazu gekommen? Ich schätze, dieser Kenny Joss könnte die Antwort liefern.« Allmählich wurde sich Minchin Alans betäubter Blicke bewusst, und er besaß die Würde, ein wenig entschuldigend fortzufahren:

»Hören Sie, ich weiß die Bemühungen Ihrer Freundin wirklich zu schätzen, und ich wollte sie nicht kränken, indem ich all das in ihrer Gegenwart sage, aber diese Dinge sollte man doch besser den Profis überlassen, meinen Sie nicht?« Obwohl Markby häufig ähnliche Worte zu Meredith gesagt hatte, wusste er, dass er nicht zustimmen durfte, ohne sich wie ein Verräter zu fühlen, also begnügte er sich mit einem schweigenden Kopfnicken und wandte sich dem ungefährlicheren Thema Kenny Joss zu.

»Es ist Ihre Operation«, sagte er vorsichtig zu Minchin.

»Ich würde nur gerne einen Vorschlag machen.« Minchin grinste unerwartet.

»Ich wäre ein Narr, wenn ich glauben würde, dass dies meine Operation ist. Sie sind der Boss, und jeder hier ist eifrig darauf bedacht, dies Hayes und mir zu zeigen! Was für einen Vorschlag hätten Sie denn?«

»Ich kenne den Joss-Clan. Wir alle kennen ihn. Sie sind eine Familie von Gelegenheitskriminellen, Trickbetrügern, Hehlern und dergleichen mehr. Kenny Joss gehört zu den wenigen, die eine saubere Weste haben – soweit wir wissen, heißt das. Das gilt jedoch nicht für seine Verwandten, und wenn wir ihn zum Verhör herbringen, dann weiß er genau, wie die Sache läuft. Er wird auf der Stelle nach einem Anwalt verlangen und dann hier sitzen und nicht ein Wort sagen.« Minchin rieb sich mit dem Daumennagel das Kinn, wie er es häufig tat.

»Die Josses haben einen festen Anwalt?«, fragte er.

»O ja, den haben sie tatsächlich! Bertie Smith. Bertie vertritt die Josses seit Jahren. Sie gehören zu der Sorte von Mandanten, auf die er sich spezialisiert hat, möchte ich sagen. Er ist ein vertrauter Anblick in den Verhörzimmern der gesamten County. Kein Mandant ist ihm zu zweifelhaft. Ein Vorstrafenregister so lang wie Ihr Arm würde Bertie nicht daran hindern zu behaupten, sein Mandant wäre hereingelegt worden. Bertie besitzt ein unvergleichliches Geschick, wenn es darum geht, Lücken im Gesetz zu finden.« Markby sprach mit einer aus Erfahrung geborenen Bitterkeit.

»Ich kenne diesen Typ«, stimmte Minchin in düsterem Mitgefühl zu.

»Bestimmt kennen Sie ihn. Unter Berties Anleitung wird Kenny Joss sein Geheimnis so sicher wahren wie die Sphinx. Deswegen möchte ich vorschlagen, ihn nicht herzubringen, sondern stattdessen zu ihm zu fahren. Ja, ich weiß, er hatte schon mehrere Besuche von der Polizei und hat alle abgewimmelt. Genau das könnten wir zu unserem Vorteil nutzen. Er wird sich selbst beglückwünschen, dass er sowohl Dave Pearce als auch Mickey Hayes überlistet hat. Vielleicht ist er ein wenig zu selbstsicher geworden? Auf seinem eigenen Grund und Boden, wo er sich seiner Meinung nach schon vorher so wunderbar geschlagen hat, besitzen wir eine weit größere Chance, ihn zum Reden zu bringen, bevor er beschließt, dass er doch lieber Bertie Smith anrufen soll. Und soweit wir wissen, erhöht sich die Chance, dass sich jemand widerspricht, je häufiger er gezwungen ist, eine vorfabrizierte Geschichte zu erzählen.« Markby grinste entschuldigend.

»Ich sage ›wir‹, aber ich sollte natürlich sagen ›Sie‹. Sie und Inspector Hayes, heißt das.« Minchin schwieg für mehrere Sekunden, während er mit den breiten Fingern auf den Schreibtisch trommelte.

»Warum fahren nicht Sie und ich zusammen?«, schlug er schließlich vor.

»Ich weiß, es ist unüblich, aber es könnte funktionieren. Wenn er von zwei Beamten unseres Ranges Besuch bekommt, lässt er sich vielleicht genügend beeindrucken, um seine Geistesgegenwart zu verlieren und die Wahrheit auszuspucken. Wie klingt das in Ihren Ohren?«

»Klingt gut«, sagte Markby ohne Zögern.

»Schließlich hat er Dave Pearce belogen, genau wie Mickey Hayes. Uns hat er noch nicht angelogen, nicht von Angesicht zu Angesicht jedenfalls. Das macht es leichter für ihn, seine Taktik zu ändern, falls wir ihn überzeugen können, dass es in seinem Interesse liegt.«

Doch Kenny Joss war arbeiten, irgendwo unterwegs in Bamford mit seinem Taxi. Das erkannten sie bereits an der leeren Garage.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Minchin und starrte düster durch die Windschutzscheibe von Markbys Wagen.

»Reingehen und seine Frau fragen oder wer auch immer an seinem Telefon sitzt und die Anrufe entgegennimmt? Sollen wir ihn rufen lassen?«

»Wenn wir das tun, wird sie als Nächstes Bertie Smith alarmieren. Nein.« Markby stieß mit dem Wagen in eine Einfahrt zurück und wendete in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

»Ich habe eine bessere Idee.«

Er fuhr in die Stadt und bog auf den Parkplatz des Crown Hotels ein.

»Gehen wir ein Pint trinken?«, fragte Minchin mit gerunzelter Stirn.

»Nein. Wir gehen einen Anruf tätigen.« Markby nahm sein Mobiltelefon hervor.

»Warten Sie. Ich muss erst bei der Auskunft anrufen … Hallo? Ja, Bamford bitte, ein Taxiunternehmen – K. Joss … Richtig …« Er kritzelte die Nummer auf einen Notizzettel.

»Phase eins«, sagte er zu Minchin.

»Und nun zu Phase zwei.« Er tippte Kennys Nummer ein.

»Hallo? Ja, wir brauchen ein Taxi vom Crown Hotel zum Bahnhof … wie schnell kann es hier sein? … Gut, wir warten vor dem Hoteleingang.« Markby steckte das Telefon wieder ein.

»Concepta Joss – sie ist seine heranwachsende Tochter, nicht seine Frau – hat ihn über Funk gerufen, und er hat gesagt, er wäre in zehn Minuten hier.«

»Concepta? Meine Güte!«, sagte Minchin.

»Die Josses mögen Namen, die über die Zunge rollen. Kenny hatte Glück, das ist alles.« Sie wanderten zur Vorderseite des Hotels und bezogen unter dem Säulenvorbau Stellung.

»Sieht doch gar nicht so schlecht aus, der Laden?«, sagte Minchin und blickte an der Fassade nach oben.

»Es ist ganz in Ordnung, aber es ist nicht gemütlich. Ich dachte, Sie würden sich in Merediths Haus besser aufgehoben fühlen.«

»Ein hübsches kleines Cottage, das Haus Ihrer Freundin. Sie hat erzählt, Sie würden beide Häuser verkaufen und sich irgendwo ein neues kaufen? Mit dem Erlös für die beiden anderen Häuser müssten Sie eigentlich etwas richtig Hübsches bekommen.«

»So einfach ist das nicht«, entgegnete Markby.

»Gute Häuser kosten ein Vermögen. Es zieht eine Menge Leute hier in diese Gegend – das ist der Grund, aus dem Dudley Newman so scharf auf Fourways House ist.« Minchin kramte in seiner Tasche und murmelte eine leise Verwünschung. Markby erkannte den Reflex.

»Haben Sie aufgehört?«

»Ich versuche es noch. Ich bekam allmählich keine Luft mehr. Mickey Hayes raucht wie ein Schlot, das macht es nicht gerade leichter.«

»Dort kommt unser Mann.« Markby zeigte in die Richtung.

»Phase drei.« Das Taxi hielt vor dem Hotel, und Kenny Joss stieg aus. Er blickte über das Wagendach hinweg auf die beiden wartenden Männer, und sein Gesichtsausdruck zeigte zuerst Verblüffung, dann Misstrauen.

»Sie haben nach einem Taxi gerufen?«

»Das ist richtig«, sagte Markby. Er öffnete die Hintertür und schob sich auf den Rücksitz. Minchin ging um den Wagen herum und gesellte sich auf der anderen Seite zu ihm. Kenny kletterte unglücklich auf den Fahrersitz und blickte in den Rückspiegel.

»Zum Bahnhof, richtig? Das hat Connie jedenfalls gesagt.«

»Offen gestanden – wir haben unsere Meinung geändert.« Markby beugte sich vor und hielt Kenny seinen Ausweis über die Schulter vor das Gesicht.

»Was halten Sie davon, Kenny, wenn wir irgendwo hinfahren, wo wir uns privat unterhalten können?« Kenny drehte sich aggressiv in seinem Sitz um.

»Was soll das? Wollen Sie mich verhaften oder was?«

»Wir möchten nur reden, Kenny, weiter nichts. Irgendwo, wo es Ihnen passt. Meinetwegen auch hier.«

»Wir fahren jedenfalls nicht zu mir nach Hause!«, beschied Kenny seine Passagiere.

»Meine Missus würde an die Decke gehen, wenn sie rausfände, dass die Bullen schon wieder da gewesen sind. ›Ständig kommt die Polizei zu uns nach Hause, Kenny! Was hast du angestellt?‹ Ich habe genug davon! Und ich werde auch nicht mit Ihnen aufs Revier fahren!« Er dachte einen Augenblick lang nach.

»Wir fahren runter an den Fluss, okay? Nicht, dass ich Ihnen irgendwas zu sagen hätte.«

Kenny hatte die Stelle geschickt ausgewählt. Ein Pfad zog sich am Ufer entlang, ein beliebter Spazierweg im Sommer und an den Wochenenden, doch er lag nun verlassen da bis auf den einen oder anderen Hundebesitzer, der seinen Vierbeiner ausführte. In regelmäßigen Abständen standen abwechselnd Bänke und Tische mit Stühlen, an denen im Sommer Picknicks veranstaltet wurden. Über ihren Köpfen raschelten Espen, und von Zeit zu Zeit markierte draußen auf dem Wasser ein Kreis aus konzentrischen Ringen die Stelle, wo eine Forelle hochgekommen war. Zwei Schwäne glitten majestätisch vorüber. Am anderen Ufer, hinter einer weiteren Reihe von Bäumen, lag Weideland, auf dem schwarzweiße Milchkühe friedlich grasten. Es war eine Szene wie aus einem Gemälde von Constable, eine Umgebung, in der es schwer fiel, jemanden ernsthaft unter Druck zu setzen, nicht, wenn alles ringsum die Sinne anregte und dem Auge gefiel.

Sie setzten sich an einen der Picknick-Tische, Kenny auf der einen Seite, Minchin und Markby ihm gegenüber auf der anderen. Markby sah auf den leeren Platz neben Kenny Joss und sinnierte, wie lange es dauern mochte, bis er vorschlug, dass Bertie Smith hinzukommen sollte. Einer der Schwäne bemerkte, dass sich Leute auf eine Weise niedergelassen hatten, die er mit Nahrung in Verbindung brachte. Er wechselte seine Richtung und paddelte näher ans Ufer. Als keine Sandwich-Brocken in seine Richtung geworfen wurden, schwamm er missgestimmt weiter.

Wie dem auch sein mochte, entweder trug die Tatsache, dass Kenny den Ort ihrer Unterredung selbst ausgesucht hatte, oder die friedliche Umgebung dazu bei, dass sich der Mann sichtlich mehr entspannte als auf der Fahrt hierher. Er war ein markanter Typ und ragte wahrscheinlich unter seinen Kollegen hervor. Seine Gesichtsfarbe war dunkel, und die dichten schwarzen Haare lang, jedoch sorgfältig gepflegt. Ein Bursche mit schneller Auffassungsgabe, der auf sich selbst aufpassen kann, dachte Markby und fragte sich, ob Kenny Joss, hätte er vor zweihundert Jahren gelebt, ein Wegelagerer geworden wäre, der Reisenden auflauerte, anstatt sie herumzufahren, wie er es heute tat. Unvermittelt legte Kenny Joss die Unterarme auf den Tisch und sah Markby in die Augen.

»Dann schießen Sie mal los«, sagte er.

»Was wollen Sie wissen?«

»Wir möchten mit Ihnen über den Samstagnachmittag reden«, antwortete Minchin.

»Ich spreche von dem Tag, an dem Jan Oakley starb.«

»Das haben Sie doch alles schon in meiner schriftlichen Aussage. Ich habe die alten Ladys in die Stadt gefahren und wieder nach Hause gebracht. Ansonsten habe ich überhaupt nichts mit der Sache zu tun.«

»Nicht so schnell …«, begann Minchin.

»Als Sie mit den Oakley-Schwestern nach Hause kamen …«

»Das bin ich schon mit dem Beamten durchgegangen, der zu mir nach Hause kam!«, unterbrach ihn Kenny Joss.

»Nicht mit dem zweiten, dem aus London, dem anderen von hier. Dann kam der Londoner Typ und hat sich die ganze Geschichte noch mal erzählen lassen! Ich kann Ihnen nicht mehr sagen als das, was ich den beiden schon erzählt hab! Ich hab die Einkäufe hinten rum in die Küche getragen und bin anschließend wieder gefahren.«

»Und Sie haben Jan Oakley gesehen?«, erkundigte sich Minchin. Markby meinte zu sehen, dass Kennys selbstbewusstes Auftreten ins Wanken geriet. Er verschränkte die Hände und öffnete sie wieder, während er von Minchin zu Markby blickte.

»Ich hab ihn gesehen, als ich die Einkäufe in die Küche trug, ja. Wir sind aneinander vorbeigegangen. Wir haben uns begrüßt, das ist alles. Ich hab ihn danach nie wieder gesehen.« Nur wenige Menschen haben Jan danach noch gesehen, dachte Markby. Er sah Minchin an, der die Befragung fortsetzte.

»Kenny, wir müssen jede noch so unbedeutende Einzelheit erfahren, jedes Detail über das, was Jan Oakley an jenem Tag gemacht hat. Wir fragen Sie, weil wir glauben, dass Sie uns bei einigen Details helfen können, die Ihnen vielleicht nicht so wichtig erscheinen, uns hingegen schon. Sie haben Inspector Pearce erzählt, die Schwestern wären nach ihrer Rückkehr vom Einkaufen durch die Vordertür ins Haus gegangen, wohingegen Sie, als Sie die beiden abgeholt haben, durch die Küchentür nach draußen gekommen sind, ist das richtig?«

»Ja-a«, antwortete Kenny gedehnt. Seine Blicke waren immer noch misstrauisch.

»Ich kenne das Haus ziemlich gut«, sagte Markby.

»Wenn die Vordertür offen steht, führt der schnellste Weg in die Küche durch die Halle nach hinten. Die Innentür zur Küche befindet sich am Ende der Eingangshalle. Aber Sie sagen, Sie wären außen um das Haus herum nach hinten gegangen, trotz der schweren Einkaufstüten und obwohl die Vordertür offen war.«

»Die Tüten waren nicht so schwer«, murmelte Kenny mürrisch.

»Ich denke, Sie sind nach Ihrer Rückkehr von der Einkaufstour durch das Haus nach hinten in die Küche gegangen«, sagte Markby.

»Sie sind nicht außen rum nach hinten gegangen, wie Sie es getan haben, als Sie die beiden Schwestern abholten. Ich kann das ganz leicht überprüfen. Ich muss nur Damaris oder Florence Oakley fragen, eine von beiden erinnert sich bestimmt.« Kenny schwieg.

»Möglich, dass ich durch das Haus gegangen bin«, räumte er schließlich ein.

»Vielleicht hat mich meine Erinnerung getäuscht. Ich habe nicht so sehr aufgepasst, wissen Sie? Ich wusste schließlich nicht, dass es wichtig werden könnte!«, begehrte er auf.

»Es ist aber wichtig, Kenny. Verstehen Sie, wir ermitteln in einem Mordfall. Es geht nicht um Diebesgut oder gefälschte Designerkleidung – es geht um Mord. Wir schließen die Akte nicht bei einem Mordfall. Wir bleiben dran, jahraus, jahrein, bis wir zufrieden sind. Wir werden Sie nicht in Ruhe lassen, Kenny. Wir werden wieder und wieder zu ihnen kommen und diese Unterhaltung wiederholen, bis wir mit den Antworten zufrieden sind. Und ich …«, fügte Markby hinzu,»… ich bin alles andere als zufrieden. Und ich bezweifle, dass Mr. Minchin hier zufrieden ist.«

»Jetzt fällt es mir wieder ein«, gab Kenny mürrisch zu.

»Ich bin durch die Halle gegangen. Ich habe die Tüten durch die Vordertür und die Halle in die Küche gebracht. Durch das Haus, nicht hinten rum.«

»Also sind Sie Jan nicht an der Hintertür begegnet, wie Sie Inspector Pearce erzählt haben.« Es war eine Feststellung, keine Frage. Kenny nahm sie als solche hin, doch nun begann er Haare zu spalten.

»Nun ja, nicht genau. Ich habe gesehen, wie er die Küche durch die Hintertür verlassen hat. So war es.«

»Und wo waren Sie, als Sie Jan Oakley gesehen haben?«

»Ich war …« Kenny blickte von einem zum anderen.

»Ich habe nichts mit seinem Tod zu tun, richtig? Ich habe nichts angefasst! Ich habe überhaupt nichts getan!« Er wartete, doch ganz gleich, was er sich zu seiner Beruhigung erhofft hatte, es geschah nicht.

»Verdammt noch mal!«, stieß er hervor.

»Warum sollte ich diesen Kerl ermorden? Ich kannte ihn ja nicht mal! Ich hatte nur von ihm gehört, weiter nichts! Dolores hat mir von ihm erzählt – das ist meine Cousine. Dolores Forbes vom The Feathers. Er hat abends bei Dolores gegessen. Sie meinte, er wäre ein Taugenichts und Tunichtgut, und Dolores hat einen Blick für diese Sorte. Sie kennt sich aus mit diesen Kerlen. Ihr Mann, Charlie Forbes … na ja, spielt ja keine Rolle. Jedenfalls meinte Dolores, dass Jan nichts Gutes im Schilde führte.« Kenny atmete tief durch und beugte sich vor. Plötzlich schien er begierig, seine Geschichte zu erzählen.

»Ich trug zwei Supermarkttüten in die Küche, die Einkäufe der beiden alten Mädchen. Damaris und Florence waren in der Halle, wo sie ihre Hüte und Mäntel auszogen und im Weg standen. Ich drückte mich an ihnen vorbei und ging bis zum Ende, wo die Küchentür liegt. Ich hatte keine Hand frei, um sie zu öffnen, aber sie stand einen Spaltbreit offen, deswegen musste ich ihr nur einen kleinen Stoß mit der Schuhspitze geben. Sie schwang auf, aber nicht weit genug. Es ist eine von diesen großen, schweren alten Türen. Ich wollte ihr gerade einen zweiten Stoß versetzen, als ich ihn gesehen hab, diesen Jan. Ich konnte ihn durch die halb offene Tür sehen. Er war am anderen Ende der Küche, und er hatte die Hand in einem der Schränke.« Kenny unterbrach sich und fügte erklärend hinzu:

»Es war einer von diesen altmodischen Küchenschränken, wenn Sie wissen, was ich meine. Unten Schranktüren, dann in der Mitte ein Regal und oben wieder Türen. Er war an einer der oberen Türen. Nichts Ungewöhnliches, würden Sie wahrscheinlich sagen, aber es war merkwürdig, wie er sich verhielt. Als hätte er etwas zu verbergen. Er hatte etwas in der Hand und stellte es in den Schrank zurück. Dann nahm er etwas anderes heraus. Genau in diesem Augenblick hat eine der beiden Frauen etwas gerufen, und er muss die Stimme gehört und geglaubt haben, dass sie in die Küche kommen. Er blickte sich um, als hätte man ihn bei irgendwas ertappt. Ich versteckte mich hinter der Tür, wo er mich nicht sehen konnte. Als ich den Kopf wieder vorstreckte, richtete er sich gerade auf. Er hatte irgendwas unten am Schrank gemacht, an der Seite, hinten an der Wand. Als er sich aufrichtete, waren seine Hände leer. Ich schätzte, dass er irgendwas hinter dem Schrank versteckt hatte, das die beiden Schwestern nicht sehen sollten. Dann ging er in eine Art Garderobenraum, der von der Küche abzweigt. Ich war schon mal da drin, und es gibt eine alte, schmale Treppe, die mindestens bis hinauf in den ersten Stock führt. Ich weiß nicht, ob sie noch weiter nach oben geht. Die alten Mädchen benutzen sie nicht mehr. Sie nutzen den Garderobenraum nicht, außer um Gummistiefel und Stapel von alten Zeitungen darin zu lagern und anderen Kram. Ich war damals nur in diesem Raum, weil sie mich gebeten hatten, einen Sandsack hineinzutragen. Es war Winter, und sie wollten damit den Platz vor der Tür streuen, damit sie nicht ausrutschen, Sie wissen schon. Jedenfalls, Jan verschwand in diesem Raum, und ich schätze, er ging auf diese Weise nach oben. Jedenfalls war er danach nicht mehr im Garderobenraum. Ich hab nämlich nachgesehen, als ich in die Küche kam. Ich hab die Einkäufe auf den Tisch gestellt. Ein paar Tiefkühlsachen hab ich ins Eisfach von ihrem Kühlschrank getan. Sie haben keinen richtigen Eisschrank. Ich sag ihnen dauernd, dass sie sich endlich einen richtigen Eisschrank kaufen sollen, aber sie wollen nicht. Jedenfalls hab ich einen schnellen Blick hinter den Schrank geworfen, und was sehe ich? Da stand ein kleines Glas.« Kenny deutete die Größe mit Daumen und Zeigefinger an.

»Es sah aus wie dieses Hefezeugs, das man aufs Brot schmiert – schmeckt irgendwie nach Fleisch.« Seine Miene hellte sich auf.

»Marmite! Jetzt weiß ich wieder, wie es heißt! Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass Jan es dort versteckt hat, weil ich ihn nicht dabei beobachtet hab. Also macht es keinen Sinn, wenn Sie versuchen, mich dazu zu bringen, dass ich es sage. Aber er hat etwas in der Hand gehalten, das genauso ausgesehen hat, bevor er die Stimmen gehört hat und erschrocken ist. Als ich wieder hingesehen hab, hatte er es nicht mehr in der Hand und richtete sich gerade auf, wie ich schon sagte, als hätte er sich gebückt und etwas versteckt. Dann ist er in den Garderobenraum verschwunden und zur Hintertreppe hinauf. Er wollte nicht in der Küche gefunden werden, quasi auf frischer Tat, schätze ich.« Minchin atmete tief durch.

»Und was haben Sie als Nächstes getan?« Kenny Joss zuckte die Schultern.

»Um die Wahrheit zu sagen – und das ist die Wahrheit! –, ich wusste nicht, was ich deswegen unternehmen sollte. Ich bin zurück in die Halle und hab nach der älteren der beiden Schwestern gesucht, Damaris, aber sie war schon auf dem Weg nach oben. Florrie war noch in der Halle und kramte herum. Ich musste eine Entscheidung treffen, und zwar schnell. Ich hätte lieber mit Damaris gesprochen, weil sie diejenige ist, die alles bestimmt, aber sie war nicht da, und so hab ich es Florrie erzählt. Ich nenne sie so. Sie hat nichts dagegen. Ich hab gesagt, sie soll diesen ausländischen Kerl im Auge behalten. Er hätte sich an den Küchenschränken zu schaffen gemacht. Ich hätte das Gefühl, als hätte er irgendwas hinter dem Küchenschrank versteckt.« Kenny grinste schief.

»Sie lauschte und sah mich an wie ein kleiner Vogel, von unten herauf. ›Tatsächlich, Kenny?‹, fragte sie. ›Wie eigenartig! Ich werde nachsehen.‹ Also dachte ich, damit hätte ich meine Aufgabe erfüllt. Sie wusste Bescheid. Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen macht oder beunruhigt ist, deswegen hab ich einen Witz gemacht, um sie zum Lachen zu bringen, fragen Sie mich nicht mehr, was ich gesagt hab. Danach bin ich gefahren.« Kenny lehnte sich zurück.

»Das ist alles.« Markby redete als Erster.

»Ich danke Ihnen, Kenny«, sagte er.

»Sie hätten uns eine Menge Zeit ersparen können, wenn Sie uns das von Anfang an erzählt hätten. Ich denke, ich weiß, warum Sie es nicht getan haben, aber Sie irren sich. Wir mussten es erfahren.«

»Ja«, sagte Kenny.

»Nun ja, ich mag die alten Mädchen, wissen Sie?«

»Jetzt bringen Sie uns besser zum Hotel zurück«, sagte Minchin.

»Zu unserem Wagen.«

»Hören Sie«, sagte Kenny,»kann ich das alles abrechnen? Ich meine, ich habe wenigstens zwanzig Minuten hier mit Ihnen gesessen, eher eine halbe Stunde. Ich gehöre zur arbeitenden Bevölkerung, wissen Sie? Ich fahre nicht zum Vergnügen im Taxi herum.«

»Also hat Jan Oakley die Gläser vertauscht«, sagte Minchin auf dem Weg aus Bamford hinaus.

»Er hat das vergiftete Glas in den Schrank gestellt und das andere hinter dem Schrank versteckt, wobei er gestört wurde. Nachdem Kenny Joss Florence gewarnt hat, hat sie die Gläser zurückgetauscht. Denken wir, dass es sich so zugetragen hat?«

Sie fuhren in Richtung Fourways House. Markby hatte ohne Kommentar die Richtung eingeschlagen, und Minchin hatte bis zu diesem Augenblick schweigend neben ihm gesessen.

»Merkwürdig«, fuhr Minchin fort.

»Ich hätte eher auf die andere Schwester getippt. Sie wissen schon, sie erscheint mir tatkräftiger.«

»Florence konnte nicht mit Sicherheit wissen, dass mit dem Glas im Schrank irgendetwas nicht stimmt«, sagte Markby.

»Aber sie mag misstrauisch genug geworden sein, um sie zurückzutauschen, ja. Das ist kein Mord. Ich würde es eher eine tragische Fehleinschätzung nennen.«

»Wir können immer noch überlegen, was es war, wenn wir beweisen können, dass sie es getan hat«, sagte Minchin säuerlich.

»Wie dem auch sei, angenommen, sie hat es getan, dann ist das der Grund, aus dem ihr und ihrer Schwester an jenem Abend nichts passiert ist. Später, als Jan das Glas hinter dem Schrank hervorgeholt hat, glaubte er, den unvergifteten Aufstrich in den Händen zu halten. Er machte sich einen Imbiss und vergiftete sich selbst. So weit, so gut. Die Spurensicherung hat nichts Verdächtiges an dem Hefeaufstrich festgestellt, den sie aus dem Schrank mitgenommen hat, und hätte hinter dem Schrank noch ein verstecktes Glas gestanden, würde sie es gefunden haben.«

»Man hat schon früher Dinge übersehen«, entgegnete Markby.

»Die Spurensicherung ist nicht unfehlbar. Es steht wahrscheinlich noch hinter dem Schrank.«

»Nein, nein«, widersprach Minchin.

»Das ist es nicht, worauf ich hinauswill. Sehen Sie, vorausgesetzt, wir haben Recht, dann ist es folgendermaßen abgelaufen: Jan stellt das vergiftete Glas in den Schrank, das einwandfreie hinter den Schrank. Kenny beobachtet es und informiert Florence. Florence ersetzt das vergiftete Glas im Schrank durch das hinter dem Schrank. Die Schwestern essen vom unvergifteten Aufstrich, keine Probleme. Später in der Nacht, nachdem sie zu Bett gegangen sind, bekommt Jan Hunger und geht in die Küche. Er vermutet das unvergiftete Glas, von dem er annimmt, dass es das vergiftete ist, im Schrank und das vergiftete, von dem er annimmt, dass es das unvergiftete ist, hinter dem Schrank. Er tauscht die Gläser wieder zurück, macht sich ein Sandwich und vergiftet sich selbst. Die Frage lautet: Warum war das vergiftete Glas am nächsten Morgen nicht mehr im Schrank, wo er es hingestellt hat?«

»Weil irgendjemand«, antwortete Markby,»entweder Damaris oder Florence, erkannt haben muss, was sich in der Nacht ereignet hat, als Jan krank wurde, und die Gläser wieder zurückgetauscht hat – oder zumindest das unvergiftete Glas in den Schrank gestellt hat, damit wir es finden, und das andere beseitigt. Wir wissen nicht, ob Florence ihrer Schwester erzählt hat, was Kenny gesehen hatte. Falls nicht, dann hat Florence erkannt, dass Jan sich selbst mit irgendwas vergiftet hatte, das ihr und ihrer Schwester zugedacht gewesen war. Weil er sich jedoch vergiftet hatte, weil sie die Gläser zurückgetauscht hatte, geriet sie in Panik. Sie dachte, man würde sie des vorsätzlichen Giftmordes beschuldigen. Sie ersetzte das gute Glas, aber ich habe keine Ahnung, was sie mit dem vergifteten gemacht hat.«

»Ihnen ist bewusst«, gab Minchin zu bedenken,»dass wir all das nur beweisen können, indem wir das vergiftete Glas finden?«

Sie hatten unterdessen das Feathers passiert, und Fourways House kam in Sicht. Markby bog in die Auffahrt ein, und aus irgendeinem Grund, vielleicht wegen einer vagen Erinnerung, bremste er. Sie saßen nebeneinander im Wagen und blickten die Auffahrt entlang zu dem großen alten Haus.

»Ich bin schon als Kind hierher gekommen«, sagte Markby leise.

»Ich kann das Reden übernehmen, wenn wir drin sind«, erbot sich Minchin.

»Oder ich könnte auch alleine reingehen. Ich kann sehr gut verstehen, wenn Sie den alten Damen keine peinlichen Fragen stellen möchten. Das ist schließlich der Grund, aus dem ich hier bin.«

»Nein, ich komme mit Ihnen«, erwiderte Markby abwesend.

»Es wird sie beruhigen, wenn sie mich sehen. Ich dachte nur gerade daran, wie es war, als ich dieses Haus zum ersten Mal gesehen habe, als Knirps. Es sah aus wie aus einem Märchen, insbesondere diese Ecke dort mit dem Turm. Ich dachte, hier müsse ein Oger wohnen, und ich lag nicht weit daneben. Der alte Mr. Oakley war ein Mann mit einer ausgeprägten Persönlichkeit. Ein Haustyrann.« Er betrachtete das Haus, das in der Abendsonne gelb wie Honig leuchtete. Um diese Tageszeit sah es mit Abstand am besten aus. Die warme Sonne verdeckte die unglückselige Geschichte, die mit Fourways House verbunden war, und es wirkte warm und behaglich. Selbst die Wasserspeier sahen verspielt aus. Fourways stand seit mehr als hundertfünfzig Jahren. Mit Bedauern dachte Markby daran, dass seine Tage vielleicht gezählt waren. Dann geschah etwas sehr Merkwürdiges. Wie aus dem Nichts erfüllte Donner die Luft. Ein gewaltiger Schlag, gefolgt von einem brüllenden, stetig anschwellenden Rumpeln, als wäre irgendwo ein gigantisches Monster unterwegs. Der Wagen erzitterte wie von einer unsichtbaren Faust getroffen. Der gesamte Ostflügel von Fourways House schwankte und bebte, dann blähte er sich nach außen. Eine Seite verschwand in einer Wolke aus Staub und Rauch, durch welche das Krachen einstürzenden Mauerwerks schallte. Die Wolke wurde größer und größer, hüllte das gesamte Gebäude ein, bis es schließlich völlig dahinter verschwunden war. Aus der wirbelnden Masse kam der Turm geflogen, an einem Stück wie eine gigantische Rakete. Er schoss krachend zwischen den Bäumen hindurch und landete mit einem mächtigen Knall auf dem alten Stallgebäude. Mehr Rauch und Staub wurden aufgewirbelt. Rote Flammenzungen stiegen auf und tanzten wie in einer gigantischen Hexenkugel.

»Es … es ist in die Luft geflogen!«, ächzte Minchin.

»Mich trifft der Schlag!« Markby jedoch hatte bereits sein Mobiltelefon hervorgezogen und Feuerwehr und Krankenwagen alarmiert.